Sparen mit Augenzwinkern betrachtet.

Sparen mit Augenzwinkern betrachtet.

Beitragvon Folptetius » Mittwoch 8. April 2015, 15:01

Fünf Stück in blau.
Fünf Stück in blau, das waren Wertmarken im blauen Farbton, deren Gegenwert pro Stück 10 Pfennige betrug. Es waren Wertmarken der Sparkasse in der Grösse einer üblichen Briefmarke.
Eines Tages betrat unser Mathematiklehrer den Klassenraum mit uns bis dahin unbekannten Utensilien unter dem Arm.
Es war diesmal nicht der übergrosse Winkelmesser und ein grosser Zirkel, womit man an der Tafel Winkelfunktionen erstellen konnte. Er legte alles auf dem Tisch ab, ordnete die Dinge, sodass es den Anschein hatte, als wollte er ein Büro eröffnen.
Wir wurden mit einer Materie vertraut gemacht, die uns allen noch völlig fremd war. Es ging um sparen.
Es gefiel uns, jedenfalls dem grössten Teil der Schüler, dass es nicht gleich wieder mit Prozentrechnen und Dreisatz losging.
Schulsparen war das Thema. Wir konnten einmal in der Woche Wertmarken erwerben, die in drei Grössenordnungen zu erhalten waren.
Die Stückelung betrug zehn und fünfzig Pfennige sowie eine Mark. Diese Wertmarken waren in ein kleines Faltheftchen zu kleben, in eine dafür vorgesehene Rubrik. Alles wurde bis in die letzte Einzelheit erklärt, und wir nun die Möglichkeit hätten, ein Vermögen anzusparen.
Soweit so gut. An diesem Tag hatte freilich niemand unvorbereitet einen Spargroschen in der Hosentasche, sodass wir diese Ankündigung vorerst lediglich nur zur Kenntnis nehmen konnten.
In der darauf folgenden Woche war nun der erste Spartag in der Schule. Es war wieder die wenig geliebte Rechenstunde, von der ein grosser Teil auf den Erwerb solcher Wertmarken entfiel.
Wer von uns Schülern jetzt frohlockte, dass es jedesmal im Rechenunterricht Abstriche geben würde, hatte sich verrechnet, ...ich gehörte auch dazu. Ein anderes Mal wurde dieses Prozedere auf ein musisches Unterrichtsfach verlegt. So hatte man das Nachsehen, denn es entfielen die immer wieder gerne angenommenen Aufgaben, nach einem vorgegebenen Thema eine
Skizze im Zeichenblock anzufertigen, welche später zum Aquarell auszuarbeiten war.
Nachdem ich zu Hause diese Angelegenheit des Schulsparens erzählt hatte, ging meine Mutter wortlos an unseren Schreibtisch und kam mit einem kleinen dünnen Heftchen zurück. Sie legte es auf den Küchentisch und deutete darauf. Ich nahm es in die Hand und sah, dass es ein Sparbuch war. Ich blätterte die Seiten, wobei mir ein roter Schriftzug mit grossen Lettern ins Auge fiel, der lautete, entwertet.
Mir war sofort klar, dass es nicht angebracht war, hierzu noch Fragen zu stellen. Mir war auch klar, dass ich wohl nicht damit rechnen konnte, zu den Schulspartagen ein paar Groschen, aus dem Haushaltsportemonaie zu erhalten.
Mir fiel sofort ein, dass ich ja doch eine kleine Einnahmequelle hatte. Auf unserem Hof befand sich eine Autowerkstatt. Nachdem ich meine Schulaufgaben erledigt hatte, hielt ich mich gerne in der Nähe dieser Werkstatt auf. Der Geruch von Schmieröl und Benzin war mir ziemlich vertraut. Die Monteure steckten bis zu den Hüften unter der hochgestellten Motorhaube. Mitunter tauchte einer dieser Monteure auf und blickte sich suchend um. Er winkte mich zu sich und zog mit den ölverschmierten Händen seinen Geldbeutel aus dem Overall. Herr Gruner hatte wieder einmal keine Zigaretten mehr. So bat er mich, dass ich ihm aus dem nahe gelegenen Laden fünf einzelne Zigaretten besorgen sollte.
Das machte ich gerne, denn bei der Sorte, die Herr Gruner bevorzugte, gab es jedesmal zehn Pfennige Wechselgeld zurück. Diesen Groschen durfte ich immer für mich behalten, und ich bedankte mich dafür.
So hatte ich in einer Woche schon mal ganze fünfzig Pfennige eingenommen, die ich nun in Wertmarken anlegen konnte.
Es hätte nach meinen Überlegungen etwas länger gedauert, um das Faltheftchen mit fünfziger Marken zu füllen, also wollte ich nur die kleinen blauen Wertmarken haben, um schneller am Sparziel zu sein.
Von Woche zu Woche füllte sich das gefaltete Papier ansehnlich mit den blauen Marken. Mein Nachbar, mit dem ich die Schulbank teilte, hatte wohl die gleichen Ansichten, auch sein Sparheft war in blau gehalten.
Irgendwann war auch das letzte Feld mit der blauen Groschenmarke ausgefüllt. Wir gingen nach dem Unterricht zur Sparkasse um unseren Erfolg in bare Münze umzutauschen. Stolz legten wir unsere Belege der Sparsamkeit auf den blank polierten Bankschalter.
Die Dame am Schalter fragte sogleich, für welche Zeitspanne dieses Guthaben angelegt werden soll. Wir trauten unseren Ohren kaum, anlegen? Ratlose Blicke gingen hin zum Bankschalter.
So hatten wir das ganze Unternehmen nicht verstanden, oder hatten wir nicht richtig zugehört? Dabei hatte ich mich schon mit dem Gefühl vertraut gemacht, richtig viel Geld in der Tasche zu haben. Nein, es soll ausgezahlt werden, sagte ich. Nun gut, kam die Antwort aus dem Kassenraum, und ein grosser Stempel holperte über meine blauen Marken.
Jetzt hatte ich die Barschaft in der Tasche, welche jedoch recht überschaulich war. Aber was konnte ich alles damit anfangen? Wir einigten uns, das wir am späten Nachmittag eine Sportkola im Cafe trinken wollten. Dieses Getränk war eine Neuheit und sehr begehrt, aber auch recht teuer. Es wurde in Lizenz gehandelt und kam aus der westlichen Welt.
Den Geschmack kannte man nicht, es erinnerte an süsse Medizin. Zu der Zeit schwärmten wir bereits für schöne Frauen, man hatte die Namen Sophia Loren und Lollobrigida im Kopf. Filme im Kino von diesen Schönheiten waren uns noch nicht zugänglich. Man versuchte im Schreibwarenladen wenigstens ihre Postkarten zu bekommen.
Das Ersparte neigte sich schneller dem Ende zu als man es sich wünschte. Zur selben Zeit kündigte sich ein Cirkus in der Stadt an, den ich gerne besucht hätte, aber die Barschaft reichte gerade noch für die Tierschau.
Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Diesen Ausspruch verstand ich jetzt viel besser.
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Re: Sparen mit Augenzwinkern betrachtet.

Beitragvon heuberger » Dienstag 21. Juli 2015, 19:32

"Das Ersparte neigte sich schneller dem Ende zu als man es sich wünschte. Zur selben Zeit kündigte sich ein Cirkus in der Stadt an, den ich gerne besucht hätte, aber die Barschaft reichte gerade noch für die Tierschau.
Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Diesen Ausspruch verstand ich jetzt viel besser."
Sehr schön erzählte Geschichte.
Lernen ist halt oft ein mühsamer Prozess, dessen Fortschritte manchmal nur unter beinahe schmerzlichen Erfahungen erreicht werden. ;)
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