Hinter dem fernen Horizont

Hier könnt Ihr Auszüge aus Euren Büchern, Manuskripten veröffentlichen.
Bei der Länge kommt es sicher auf den Inhalt an, dennoch reichen evtl. 2 DIN A Seiten aus.

Hinter dem fernen Horizont

Beitragvon Autor69 » Freitag 1. September 2017, 07:47

Aus Anlass meines neusten Romans, möchte ich euch eine Leseprobe vorstellen. Mit geht es daraum, wie Außenstehende den Text empfinden und ob er gut lesbar ist.
Ich muss nämlich immer wieder feststellen, dass man beim schreiben in einen Stil verfällt, der einem selbst gut und richtig vorkommt, nicht aber dem Leser. Und für den schreibt man ja.
Etwas kurz zu der Story.

Es handelt sich dabei um eine Familie, die in 1882 aus dem Niedersächsischen nach Amerika auswandert.
Der sechzehnjährige Sohn Jakob Bernhard entwickelt sich von einem verträumten Jugendlichen zu einem gestandenen Mann, der sich den rauhen Sitten und Gebräuchen im Westen schnell anpasst.

Hier nun die Leseprobe dazu.

Es war meine Unbekümmertheit, vielleicht aber auch die intensiven Gedanken, die mich gerade beschäftigten und die mich unvorsichtig werden ließen. Ich hatte gerade das Lagerfeuer entfacht und beugte mich über den Kaffeekessel, als ich ein leises Knacken hinter mir hörte.
Doch für eine Reaktion war es zu spät. Ich bekam einen derben Schlag an den Kopf, der mich ins Reich der Träume schickte. Keine Ahnung, wie lange ich dort gelegen hatte. Mit furchtbaren Kopfschmerzen wachte ich auf. Stöhnend und nicht wissend was eigentlich geschehen war, rappelte ich mich hoch. Schwankend und mir den Schädel haltend, stand ich da. Das Feuer war bis auf ein Häufchen Glut erloschen. Dunkelheit umgab mich, während ich mit zittrigen Fingern ein paar dürre Äste in die Glut schob.
Das Herunterbücken und Anblasen des Feuers ließ fast meinen Schädel platzen. Stöhnend setzte ich mich hin, betastete meinen Kopf, an dem das Blut herunterlief und sortierte erst mal meine Gedanken. Wie ein Greenhorn hatte ich mich überrumpeln lassen. Verdammt, wie konnte ich auch dermaßen blöde sein?
Ich hatte doch mittlerweile gelernt, wie man sich hier verhält. Hatte mir alle Tricks und Schliche von Ethan zu eigen gemacht. Und trotzdem kam ich mir jetzt vor wie der letzte Schuljunge. Zorn kam in mir hoch, doch den musste ich im Zaum halten. Suchend und fluchend blickte ich mich um und kramte in meinen Taschen herum. Na klar. Mein Geld war weg, ebenso hatte man mir den Revolvergurt geklaut. Sogar meinen schönen schwarzen Stetson mit dem silbernen Hutband hatten der oder die Kerle mitgehen lassen. Dann bemerkte ich, dass auch mein Wallach nicht mehr an dem Baum stand, wo ich ihn angebunden hatte. Wütend hieb ich mit der Faust auf den Boden, meine Ohren wurden heiß, was immer dann passierte, wenn ich mich maßlos über etwas ärgerte. Doch der Zorn galt weniger dem Überfall, sondern eher meiner Unvorsichtigkeit und Dummheit. Doch ich musste mich wieder beruhigen. Wut und Zorn brachten mich jetzt nicht weiter.
Also legte ich noch einige dickere Äste aufs Feuer, wickelte mich in meine Decke und versuchte trotz des Schädelbrummens ein wenig zu schlafen. Am nächsten Tag würde ich mir dann überlegen, wie es weiterging.

Ich war schon seit Stunden unterwegs. Das Laufen fiel mir schwer. Zumal die Sonne schon wieder unbarmherzig vom Himmel schien und die Luft zum Wabern brachte. Vor mir lag nichts wie Sand, Geröll und rote Felsen. Ganz in der Ferne erkannte ich die Umrisse eines Gebirges. Ansonsten war weit und breit nichts zu sehen als endlose Ödnis. Verdammt noch mal, wie sollte man hier ohne Pferd weiterkommen? Hier gab es keinen Weg und Steg und ohne Pferd war man in dieser Wildnis verloren. Das Schlimmste war, dass meine Wasserflasche nur noch Viertel voll war. Zum Glück hatte man mir die wenigstens noch gelassen. Doch viel zu schnell neigte sich der Vorrat zu Ende und gierig lutschte ich den letzten kleinen Tropfen heraus.
Und so taumelte ich weiter, in der Hoffnung Wasser zu finden und Menschen zu begegnen. Ich schluckte öfter aus Reflex, doch meine Kehle blieb trocken. Kein Tropfen war geblieben nach dem letzten Schluck. Der Schweiß rann mir über das Gesicht und wiederholt musste ich mir die salzige Feuchtigkeit aus den Augen wischen. Wie schon einmal, hatte ich wieder dieses Gefühl des Verlassenseins. Bei manchen Menschen, in solch einer Situation, kann das zu einer echten Panik führen. Ja, es sind schon viele Reisende in solchen Gebieten gestorben. Einfach nur, weil sie verdursteten, aber auch dadurch, dass sie sich verirrten, und dann einfach liegen blieben. Sie fanden keinen Mut, keine Kraft mehr, um weiter zu kämpfen. Und sie wussten nicht, wie sie überleben konnten. Die Wildnis ist voll mit Gräbern solch armer Seelen.
Ich aber wollte leben. Nach jeder Verschnaufpause rappelte ich mich wieder mühsam auf und setzte einen Fuß vor den anderen.
Es beherrschte mich nur eine Angst. Hier im Sand liegen zu bleiben und langsam zu verdursten. Und dann kamen wieder diese Gedanken, die sich nicht verdrängen ließen. Gedanken an meine Leute zuhause. Und aus dem Nebel der Erinnerungen schälte sich das Bild meiner alten Heimat. Das Dorf, wo ich aufwuchs. Die Menschen, mit denen ich verbunden war und plötzlich sehnte ich mich nach dieser dörflichen Idylle zurück. Nach der Sicherheit der Gemeinschaft, nach den Wäldern, die so frisch und würzig rochen nach einem warmen ergiebigen Landregen und es erschien das Gesicht von Rosemarie vor meinem geistigen Auge, wie sie mir zulächelte und winkte. Doch allmählich zerflossen diese Bilder wie hinter einer milchigen Scheibe, lösten sich auf, bis nichts mehr übrigblieb, als nur noch nebulöse verschwommene Erinnerungsfetzen. Vor meinem geistigen Auge tauchte das Gesicht von Stella auf. Wurde immer deutlicher und sie schien mir etwas sagen zu wollen. Doch ich konnte es nicht hören. Stella! Ihre Gestalt erwuchs aus dem Nichts und wurde so deutlich und real, dass ich unwillkürlich die Hand nach ihr ausstreckte. Wieso erschien sie mir jetzt so deutlich? War es eine Eingebung? Irgendeine Form von geistiger Verbindung? Plötzlich war sie wieder verschwunden. Eine geisterhafte Erscheinung, die mir aber plötzlich und in völliger Gewissheit klarmachte, was ich wollte. Ich wollte Stella wiedersehen. Ich musste sie wiedersehen. Wenn mir bis jetzt noch nichts derart deutlich gemacht wurde, wie diese Erkenntnis, dann war es diese Sehnsucht und das unbändige Verlangen zu leben und alles zu tun, um aus dieser misslichen Lage wieder herauszukommen. Und dieser Wille erhielt mich am Leben.
Die kommende Nacht lag ich hinter einem dieser roten Sandsteinfelsen und fror erbärmlich. Die Sterne funkelten wie Diamanten und waren fast zum Greifen nahe. Und das schwache Licht des Mondes erzeugte gespenstische Schatten zwischen den Saguaros und Joshua Tree genannten kakteenartigen Bäumen, zwischen denen dorniges Gestrüpp und einige harte Gräser wuchsen. War es tagsüber unerträglich heiß, wurde es in der Nacht bitter kalt. Ich fluchte leise vor mich hin. In was für ein verdammtes Gebiet hatte es mich wieder verschlagen? Schlaflos und frierend, sehnte ich den Morgen herbei. Schon früh und noch in der Morgendämmerung, machte ich mich wieder auf den Weg. Ich musste die Kühle ausnutzen, denn schon bald würde die Hitze wieder unerträglich werden.
Als ich über einen Hügelkamm stolperte, sah ich vor mir eine Gruppe Kakteen, wie sie mir Ethan beschrieben hatte. Von ihm wusste ich, dass man den Saft einer gewissen Art dieser stachligen Gewächse trinken könne. Viele andere seien giftig und führen zu Erbrechen und Schwindelanfällen. Der Beschreibung nach, war diese Kaktusart aber genau die richtige, aus der ich Feuchtigkeit gewinnen konnte.
Mit dem Bowiemesser hackte ich große Stücke aus der Pflanze, entfernte die dicke, raue Schale und zerkleinerte den Inhalt auf einem Stein, sodass ein Haufen fleischiges Mark übrigblieb. Das nahm ich in die Hand und drückte den Saft heraus, den ich gierig aufsog. Das wiederholte ich einige Male, sodass ich immerhin einen knappen Viertelliter trinkbare Flüssigkeit herausbekam. Besonders gut schmeckte die Brühe nicht. Doch sie erhielt mich wenigstens am Leben.
Und so stolperte und wankte ich weiter, bis meine Kräfte wieder erschöpft waren. Das Halstuch hatte ich mir über den Kopf zusammengebunden, um wenigstens einigermaßen geschützt zu sein. Denn auch ein Sonnenstich konnte fatale Folgen haben. Doch meinen schönen Hut konnte es nicht ersetzen. Die Sonne stach unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel, sodass ich hinter einigen kleinen Felsen Schatten suchte und mich rücklings mit ausgebreiteten Armen auf den Boden legte. Nur eine Weile ausruhen....die Augen schließen....schlafen. Doch ich wollte um Gottes willen nicht einschlafen, mich aufgeben und einfach liegen bleiben. Wirre Gedanken und Gefühle schlichen sich in meinen Kopf.
So wie diese Wüste sich ausbreitet. Trocken, öde und herzlos. So dass es einem vorkommt, als wäre es die Ewigkeit, aus der es kein Entrinnen gibt.
Denn unter diesem weiten, offenen Himmel und dieser entsetzlichen Ödnis, fühlte ich mich jetzt so nackt, so schwach, so ängstlich, wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Aber ich wusste auch, würde ich jetzt meine Furcht zeigen, würden die Wüstenwölfe sie riechen.
Die Wüstenwölfe, die wie Geister aus dem Nichts auftauchen und dem einsamen, von Furcht geplagten Wanderer den Weg in die Dunkelheit wiesen.
Es lebt kein Mensch auf der Welt, der nicht eine Sache in sich trägt, vor der er sich zu Tode ängstigt.
Diejenige nämlich, in völliger lautloser Einsamkeit dahin siechen zu müssen, ohne die Aussicht ein lebendiges Wesen in seiner Nähe zu haben, das einem auf dem Weg ins Jenseits das letzte Geleit gibt.
Und in meinem Delirium hörte ich das "Kratz, kratz, kratz" an dem Felsen, von den riesigen langen Krallen der Wüstenwölfe. Und ich hörte ihr Schnaufen und Schnüffeln und wusste, sie haben meinen Geruch aufgenommen.
Ich sah wie durch einen nebulösen Schleier ihr Grinsen in den Gesichtern. Und sie zeigten mir ihre großen messerscharfen Fänge und ließen mich das Blut in ihren Mäulern riechen, so nahe waren sie mir gekommen.
Dann richteten sie sich plötzlich auf ihren gewaltigen Hinterläufen auf, spannten die Muskeln zum Sprung und......mit einem lauten Schrei fuhr ich hoch.
Ich betastete mein Gesicht. Es brannte. Und auch mein Nacken hatte einen derben Sonnenbrand bekommen. Meine Lippen waren aufgesprungen und wenn ich mit der Zunge darüber leckte, fühlte es sich an wie Pergamentpapier. Blinzelnd erkannte ich in einiger Entfernung schwarze Punkte am Himmel.
Waren es Vögel? Wo Vögel sind, ist meistens auch Wasser. Oder zumindest menschliche Behausungen. Diese Hoffnung gab mir wieder Kraft und ich wollte mich schon wieder aufrappeln, als ein Schatten über mich fiel. Die Hand über die Augen haltend, versuchte ich zu erkennen, wer diesen Schatten erzeugte. Ich erkannte aber nur die Silhouette einer menschlichen Gestalt.
Ich bins nur!!
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Re: Hinter dem fernen Horizont

Beitragvon heuberger » Freitag 1. September 2017, 09:10

Ich habe den Text gelesen und finde, dass er sich gut lesen und somit auch verstehen lässt.
Dazu gibt es (nur für mich?) eine Vorbedingung:
Ich musste langsam lesen, Wort für Wort, Satz für Satz, um den Inhalt und Gehalt zur Wirkung zu bringen:
So entsteht regelrechtes "Kopfkino".
Ich weiß nicht, ob diese Voraussetzung des Langsamlesens nur aus Altersgründen herrührt, oder ob sie allgemein gilt.
Da bin ich unsicher.
Diesen Text habe ich gerne gelesen.
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Re: Hinter dem fernen Horizont

Beitragvon Autor69 » Freitag 1. September 2017, 09:19

Danke für deine Beurteilung. Bei mir ist es genauso. Früher konnte ich schnell lesen und habe auch alles verarbeitet. Heute muss ich langsam lesen, sodass das Kopfkino auch mitkommt. :-)
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