AM WEIHNACHTSBAUM DIE LICHTER BRENNEN

Gedichte aus dem täglichen Leben

AM WEIHNACHTSBAUM DIE LICHTER BRENNEN

Beitragvon heuberger » Dienstag 24. Dezember 2019, 00:07

AM WEIHNACHTSBAUM DIE LICHTER BRENNEN

(Eine Beichte zum Fest)

Es gehört als fester Bestandteil zum beruflichen Los der Psychologen, sich des Öfteren die Beichten fremder Leute anhören zu müssen, bzw. das, was diese Menschen als bedrückend empfinden. Das Ziel ist es dann, eine mögliche Ursache für dies Leiden zu finden, diese durch Neubewertung wenigstens so weit abzuschwächen, oder zu verändern, dass damit ein zufriedenes Leben gelingen kann. Die beste Voraussetzung dafür bietet der Einsatz einer Fachperson. Dazu braucht diese aber viel Einfühlungs-, Durchhalte- und Erkenntnisvermögen.. Und dazu wünschen wir dem braven Psychologen, er möge tapfer seine Tage fristen, ohne sich allzu häufig einem tiefen Gähnen hingeben zu müssen. - So möge es auch hier sein.
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TÜCKEN DER ADVENTSZEIT
Es begab sich aber zu der Zeit, dass die Siebziger Jahre sich anschickten, ihrem Ausklang zuzueilen. Ich war neu an die Wachtfelsschule nach Kolbingen versetzt worden. Bald war Weihnachten. Und die meisten Leute im Land bereiteten sich auf das Fest vor, ein jeglicher nach seiner Art. Da stellte auch ich, der damalige Klassenlehrer der Erstklässler dieser Schule, einen Adventskranz, den die Mutter einer Schülerin gespendet hatte, aufs Lehrerpult. Der wurde immer kurz vor Schulschluss, so gegen Mittag, angezündet. Dazu wurde noch ein Adventslied gesungen, bzw. ein passendes Gedicht aufgesagt. Davor aber musste der Unterricht bereits beendet sein, die Hausaufgaben aufgeschrieben, und die Schulranzen gepackt. Denn die Schüler wurden mit dem Schulbus in ihre Dörfer gefahren, nach Renquishausen und nach Königsheim. Und dieser Bus war ein gewöhnlicher Linienbus, der die Strecke Tuttlingen – Königsheim befuhr, von Kolbingen ab als Schulbus.
Er fuhr pünktlich 12:05 an der Schule ab. Aus organisatorischen Gründen stellten sich die Schüler zum Einsteigen in einer Schlange auf. Ein Lehrer stand dabei am Einstieg und führte Aufsicht.
Jetzt hatte es sich aber so ergeben, dass ausgerechnet ich an diesem Mittwoch im Advent am Bus Aufsicht führen musste. Also gestalteten wir die Vorgänge in der letzten Stunde am Vormittag so, dass sie alle, samt kleiner Adventfeier, etwas schneller abliefen als gewöhnlich, so, dass die Kinder rechtzeitig vor der Schule am Bus standen. Denn um 13:30 Uhr bereits begann der Nachmittagsunterricht. Nachdem das letzte Kind eingestiegen war, und der Bus abgefahren, setzte ich mich in mein Auto und fuhr nach Hause. Damals wohnte ich noch in Königsheim. Und so fuhr ich nach dem Essen voller Freude darüber, dass die Woche bereits bald wieder zur Hälfte vergangen war, frohgemut zurück nach Kolbingen.
Als ich, noch nichts ahnend, die Tür zum Klassenzimmer öffnete, konnte ich nur einen milchigen Nebel wahrnehmen, und einen schrecklich scharfen, beißenden Geruch.

DER ADVENTSKRANZ WAR DURCHGEBRANNT. ICH HATTE VERGESSEN, DIE KERZEN AUSZUBLASEN.

Der Kranz hatte sich, samt Kerzen, in ein armseliges graues Häufchen Asche verwandelt. In der Platte des Pults klaffte ein weites Loch. So stark war die Hitze gewesen, die der lodernde Kranz entwickelte, dass sich das Feuer durch die dicke Holzplatte durchgefressen hatte. Der brennende Lack verbreitete den fürchterlich beißenden Geruch.
Jetzt hieß es schnell handeln: Ein Ersatzklassenzimmer für längere Zeit musste gefunden werden. Für eine Dauerdurchlüftung des Zimmers musste gesorgt werden. Die Kollegen mussten informiert werden.
Die Kinder mussten auch informiert werden.
Es klappte wirklich alles vorzüglich. Im verrauchten Klassenzimmer wurden sämtliche Fenster sperrangelweit aufgerissen, die Türen wurden zugeschlossen, ein neues Zimmer wurde bezogen - der Chef selber hatte es so vorgeschlagen. Die Kollegen wunderten sich aber doch sehr, dass ich mich auf eine dermaßen ungewöhnliche Art und Weise bei ihnen eingeführt hatte. Allein die älteste Kollegin, ein Fräulein S., rümpfte die Nase, sah mich strafend an und legte in der Folge eine gewisse Vorsicht im Umgang mit mir an den Tag. Es gelang mir nach einigen Jahren, sie von meiner – relativen – Harmlosigkeit zu überzeugen. Sie merkte, dass ich kein notorischer Brandstifter war.
Mein Selbstbewusstsein dagegen sank. Ich hatte schon immer die Begabung, Dinge, auch die, die fremden Leuten gehörten, kaputtzumachen. Das war dann immer entsetzlich peinlich. Und ausgerechnet in meiner neuen Schule hatte ich mich so eingeführt!
Einzig und allein bei den Schülern war aber gerade dies ein glänzender Einstand. Mein Renommé in ihren Augen stieg ins Unermessliche. Welche Schulklasse konnte sich sonst schon eines Lehrers rühmen, der beinahe ihre verborgensten Wünsche verwirklicht hatte?
Und so stieg mein Selbstbewusstsein allmählich wieder an. Es stieg und stieg – höher und höher. Man merkte das auch äußerlich. Mein Auftreten wurde fester und sicherer, bis nahe an eine beinahe schon unerträgliche Arroganz. Und so gedachte ich, in meinem pädagogischen Bestreben, immer nahe am wirklichen Geschehen zu bleiben, dieses Vorkommnis irgendwie in den Unterricht mit einzubauen. Ich beschloss, dies im Musikunterricht in der Hauptschule zu realisieren. Auf den Plan gesetzt hatte ich Formen der Musik aus der Barockzeit: Rezitativ und Arie. Ein hoffnungsloses Unterfangen bei Jugendlichen dieser Schulart, die es gewohnt waren, ausschließlich Popmusik zu hören? Nicht unbedingt! Wenn man mit den geeigneten Tricks arbeitet, wie es bereits in Bachs Kaffeekantate heißt: „doch, trifft man den rechten Ort, ei, so kommt man glücklich fort“, so heißt das einfach nur, wenn es gelingt, die Schüler mit ihren eigenen Interessen und Vorlieben zu treffen, so folgen sie gerne, auch auf unbekanntes und bisher gemiedenes Gebiet. Auf den Punkt gebracht, es ist und bleibt eine Sache des Vertrauens. Ein Lehrer, der beinahe die Schule in Brand gesetzt hat, ist hier eindeutig im Vorteil. Also versuchte ich, sie zu animieren, Text und Musik selbst zu gestalten, und das alles zu dem Thema: Die Schule brennt. Das wirkte.
Schließlich schafften wir es, wenigstens den Text zu schreiben:
RECITATIVO (secco): „Verratet uns, was ist denn bloß bei uns hier in dem Dorfe los? Was wird die Angst so riesengroß, dass Alles auf die Straßen rennt?
ERBARM ES GOTT, DIE SCHULE BRENNT !“
( Dabei sollte es sich um ein reines Secco-Rezitativ handeln, einen Sprechgesang, der nur von einzelnen Akkorden als Interpunktionszeichen gestützt wird. )

ARIA:( Eine Da-Capo -Arie, bestehend aus drei Teilen A B A´, wobei der 3. Teil eine mehr oder weniger genaue Wiederholung des 1. Teils ist. )
A:
„Hört her, o Schreck, die Schule brennt,
vom Lernen werden wir getrennt, erkennen wir es, o, wie wahr: bald sind wir jeden Wissens bar. Da wird´s bewusst uns, und bekannt:
wir sind ganz gerne ignorant. Am Morgen liegen bleiben können, das muss man uns doch einfach gönnen.
Hurra, hurra, es brennt die Schul´, wir finden das echt wonderful. „
B: (Die Musik wird züngelnder; es rumpelt an den passenden Stellen)
„Lodert heftiger, ihr Fla-ha-ha-hammen. Ra-hasch kracht das Dach zusa-ha-ha-hammen,
was uns so-ho recht e-herfreue-hen tut. Bald ist der ga-ha-hanze-he Bau ka-haputt.“
A (Da capo):
„O Schreck, hört her, die Schule brennt.
vom Lernen …“
Wir hatten immerhin den Text fertiggestellt, und den musikalischen Verlauf skizziert.

Und dann begannen die Weihnachtsferien. Wir konnten mit dem Erreichten ganz zufrieden sein. Ich selbst schätzte mich beinahe glücklich, mein Vergehen, die „Unterlassungstat“ sozusagen, durch die Verwendung im Unterricht wieder ausgebügelt und somit genügend abgebüßt zu haben.
Das sah man aber „höherenorts“ wohl nicht so.
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TANT DE BRUIT POUR UNE OMELETTE !
WELCH EIN AUFWAND !

Es war der 24. Dezember geworden. Der Tag verdämmerte, und der Heilige Abend begann. Walter R., ein Freund, war zu Besuch. Die Kerzen am Christbaum wurden angezündet. Dann gab es das Abendessen, und die Geschenke wurden verteilt. Und dann war es schon wieder Zeit, dass Walter nach Hause fuhr, denn er wollte auch noch auf seinem Hof, im Kreise seiner Eltern und Geschwister, feiern. Wir hatten aber ausgemacht, uns am späteren Abend in Schwenningen, im Club „bei Lotte“, nochmals zu treffen, um den Tag dann ruhig ausklingen zu lassen. So fuhr ich denn durch die Nacht. Von Königsheim auf dem Heuberg nach Schwenningen in der Baar war ich etwa eine Stunde lang unterwegs. Die Fahrt ging von Königsheim über Egesheim, Reichenbach am Heuberg, Harras, Wehingen, Gosheim, Denkingen, Aldingen, Trossingen nach Schwenningen am Neckar. Dort im Club begrüßte ich die anwesenden Freundinnen und Freunde, bestellte meine obligate Apfelsaftschorle, (ich mag es nicht, Alkohol in größeren Mengen als über ein „Piccolöle“ an Silvester hinaus, zu mir zu nehmen) und setzte mich an den Tisch, einen frohen, besinnlichen, oder doch zumindest gemütlichen Ausklang des Heiligen Abends erwartend.
Walter empfing mich mit der Frage: „Hast Du am Christbaum die Kerzen ausgeblasen, oder hast Du sie brennen lassen?“ Ich hatte ihm von meiner schulischen Schandtat erzählt, und er wollte mich vermutlich ironisch in aller Freundschaft daran erinnern. Die Wirkung seiner Worte aber war ungeheuerlich. Mir blieb die Luft weg. Das Glas fiel mir aus der Hand, und ich kam mir zunächst vor wie schockgefroren. „Hast Du am Christbaum die Kerzen ausgeblasen, oder hast Du sie brennen lassen?“ Diese Frage zog mir den sicheren Boden unter meinen Füßen weg. Ich fühlte mich wie im freien Fall. Hatte ich die Kerzen gelöscht oder nicht? Stand das ganze kleine Haus bereits in Flammen? War das Feuer schon heruntergebrannt? Meine Lähmung verwandelte sich in hektische Aktivität. Ich zahlte, verabschiedete mich, verließ das Lokal und hetzte zu meinem Auto. Vor lauter Aufregung fand ich zunächst das Schlüsselloch nicht. Aber schließlich hatte ich doch Glück. Es gelang mir, die Tür zu öffnen, ich stieg ein, setzte mich hinter das Lenkrad und startete den Motor. Dies klappte jetzt auf Anhieb. Schnell fuhr ich los, immer wieder zum nächtlichen Himmel hochblickend, in der ängstlichen Erwartung, dass er sich im Feuerschein gerötet zeigte. Zum Glück war die Temperatur so hoch, dass die Straßen nicht gefroren waren. Schneefrei waren sie eh seit einigen Tagen wieder. In der Nähe von Trossingen hingen ein paar Dunstschwaden am Himmel. Sie leuchteten schwach rötlich. Der Blutdruck stieg und das Herz schlug schneller. Aber dann kam Trossingen in Sicht. Einige Straßenlampen leuchteten schwach rosa. Ihr Streulicht strahlte infolge der feuchten und dunstigen Witterung bis in den Himmel. Dies hatte die verdächtige Rotfärbung geschaffen. Der Puls beruhigte sich allmählich, der Blutdruck sank. Die Zuversicht, die stieg wieder an. Und weiter ging´s in zügiger Fahrt nach Aldingen. Wieder das gleiche Spiel. Auf dem freien Felde ein nachtschwarzer Himmel, über den Ortschaften ein leicht rötlicher Schimmer. Inzwischen hatte ich Denkingen durchquert und fuhr die Steige hoch auf den Heuberg nach Gosheim. Hier leuchtete der Himmel intensiver. Mir fiel siedendheiß ein, dass ich hier ein paar Jahre früher, auch mitten im Winter, bei der Durchfahrt erlebt hatte, wie eine Fabrik lichterloh brannte. Schreckliche Erinnerungen kochten in mir hoch. Das Herz klopfte mir bis zum Halse. Und dann, außerhalb des Dorfes, war der Himmel wieder ganz gewöhnlich dunkel. Die Gedanken rasten mir durch den Kopf. Die schrecklichsten Horrorszenarien mit brennenden Häusern liefen wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. Durch Wehingen ging die Fahrt, dann Harras, Reichenbach. Überall blieb der Himmel dunkel. Dann, als vorletzte Station Egesheim. Hier fiel mir schlagartig wieder ein Vorkommnis ein, das etwa acht Jahre früher stattgefunden hatte. Direkt an der Hauptstraße liegt der Gasthof zum Hirschen mit Ferdy´s Eisdiele, wo es das beste Eis auf dem Heuberg gab. Hier war auch die örtliche Poststelle. Nun hatte es an einem lauen Maientag sehr ausgiebig geregnet, so, dass das Wasser der Unteren Bära stieg und und stieg. Schließlich überschwemmte es die Hauptstraße, und drang in die Wirtsstube ein. Unglücklicherweise hatte es zur gleichen Zeit in der Elektrik des Gasthauses einen Kurzschluss in einer Leitung an der Zimmerdecke gegeben. Und so erschien am nächsten Tag in der lokalen Zeitung ein Foto, das Ferdy, den Wirt ( der mit dem besten Eis auf dem Heuberg ) zeigte, wie er auf der Theke stand, den Boden der Wirtsstube überschwemmt im Wasser, während er damit das Feuer an der Zimmerdecke zu löschen versuchte. Ein wahrhaft verrücktes Bild. Ich musste trotz meiner Anspannung grinsen. Und dann ging es den letzten Anstieg hoch, die Königsheimer Steige. Da kam mir eine Szene aus Hitchcocks „Rebecca“ in den Sinn, als auf der nächtlichen Heimfahrt der Widerschein des brennenden Schlosses Manderley durch den Wald schimmert. Aber hier blieb alles dunkel. Kein Mensch war auf der Straße zu sehen. Ob ein so kleines Häuschen, wie ich es bewohnte, womöglich bereits nach zwei Stunden völlig abgebrannt war? Ich kurbelte das Seitenfenster herunter und sog prüfend die Luft ein. – KEIN BRANDGERUCH! –
Und dann hielt ich vor dem Haus.
Kein Feuerwehrauto – keine Wasserschläuche – nichts! Vor der Haustür saß Güssi-Güssi, meine Katze und leckte sich die Pfote. Da öffnete ich die Tür und betrat gleich das Wohnzimmer. Der Christbaum stand friedlich in seiner Ecke. Die Kerzen waren zur Hälfte niedergebrannt, und dann von mir brav ausgeblasen worden – jetzt erinnerte ich mich wieder daran. Wie zum Trost und zur Beruhigung fielen ein paar dürre Tannennadeln sachte zu Boden.
Erleichtert öffnete ich nochmals die Haustür, steckte den Kopf ins Freie und holte tief Luft.
Da klarte der Himmel auf und ein paar Sterne wurden sichtbar. Die leuchteten mich höhnisch an und funkelten voll verruchter Unschuld. Da konnte ich nur noch schlucken.

UND DIE MORAL VON DER GESCHICHT´?
ZUR WEIHNACHT NIMM WACHSKERZEN NICHT!
TU VIELMEHR DIES BEHERZEN:
ELEKTRISCH SEI´N S´, DIE KERZEN!

Daran habe ich mich von da an immer gehalten!
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