Gebrochene Persönlichkeit

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Stiekel
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Gebrochene Persönlichkeit

Beitrag von Stiekel »

Ein grau verregneter Wintertag zieht sich wie ein zäher Schleim dahin. Nina zieht fröstelnd die Schultern hoch, obwohl es eher mild ist. Doch diese Feuchtigkeit hat ihre Kleidung durchweicht. Trübe Gedanken durchziehen ihr Gehirn: Alles habe ich versucht, um Einklang ins Unternehmen zu bringen. Doch die Leute dort, pah, die scheren sich nicht darum. Ständig muss ich ihnen sagen, wo es lang geht. Und wer ist die Dumme? Ich, ich, ich, ich! Immer wieder ich.


Dabei habe ich so viele Ideen, die wir gemeinsam umsetzen könnten, wenn sie nur wollten! Wieviel Zeit investiere ich in die Sache, doch umsonst. Mich graue Maus nimmt niemand wahr. Alles, was ich sage oder tue, verpufft an ihrer Ignoranz. Manchmal ja, da begehre ich auf und haue auf den Putz, um diese müde Gesellschaft auf Trab zu bringen. Vergebens!. Dann bin ich die Böse. Der Meckerer. Meine Illusionen schwinden. Verbittert ist mein Herz und sehnt sich doch nur nach ein bisschen Anerkennung. Ab und an mal ein: „Das hast du aber toll gemacht, Nina. Weiter so! Wir brauchen dich! Bist doch unser bestes Pferd im Stall!

Doch darauf kann ich lange warten!“

Was sie eigentlich wirklich will, ist ihr selber nicht bewusst. Liebe ist es, wonach sie so sehnsuchtsvoll Ausschau hält, doch die hat sie nie kennengelernt. Sie ist das Resultat einer Vergewaltigung. Der Täter wurde nie gefasst. Ihre Mutter ist seit dem brutalen Übergriff ein Fall für den Psychiater. Jedes Mal, wenn ihre Mama sie ansieht, merkt die junge Frau die Abscheu in deren Blick. Das ist schon so, seit sie denken kann. Und ihr Vater... wer ist er? Ein Monster? Ist Nina der Spross einer Bestie in Menschengestalt? Was kann sie denn dafür? Warum bestraft man sie mit Verachtung? Gibt es einen Menschen auf der Welt, der sie gern haben kann, so wie sie ist? Jemanden, der sie bedingungslos liebt, hat sie nie gekannt. Arme Nina. Ein graues Leben zieht sich wie ein zäher Schleim dahin. Eine gebrochene Frau zieht missmutig die Schultern hoch, obwohl es ihr materiell gut geht. Doch die Gefühlskälte hat ihre Persönlichkeit erfrieren lassen.

© Sabine Brauer
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Nur wer sich selber liebt ist fähig,
auch andere zu lieben.
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