Die stumme Glocke

Kleine Anekdoten, Episoden, Wahre Begebenheiten

Die stumme Glocke

Beitragvon gerhard » Samstag 14. November 2020, 08:36

Als die Zahl der an Covid Erkrankten immer mehr und immer weiter in die Höhe schoss,gelangten die Politiker zu der Überzeugung,zu weiteren strikten Maßnahmen greifen zu müssen.

Sabine Schmitz,die junge Pfarrerin der Evangelischen Heilandskirche,liebte Kultur.
Sabine war eine hübsche 32jährige Frau,schlank,langes,welliges blondes Haar,schrägstehende grüne Augen,die durch eine Brille blickten, ein großer vollippiger Mund und ein üppiger Busen.

In der Nacht auf den Sonntag vor dem neuerlichen Lockdown hatte sie guten Sex mit ihrem Mann. Sie wurde nach einem kräftigenden Schlaf von ihrem süßen Dackel Seppi mit einem Schlabberbussi auf ihre schönen Lippen geweckt,küsste ihren Mann und ging ins Kinderzimmer,um behutsam die kleine Susi aus ihrem
Bettchen zu heben und zu stillen.
Inzwischen wachten der 12jährige Thomas und die 7jährige Christa auf:“Guten Morgen,Mama!“

Sabine richtete das Frühstück,und dann saßen alle um den
Tisch:“Herr,segne dieses Mahl und lass möglichst viele Menschen dafür sorgen,dass auch die anderen Menschen,vor allem Flüchtlinge,Gefangene,Menschen in Obdachlosenunterkünften und die Frauen in Frauenhäusern,Menschen auf der Flucht und in Elendsvierteln,Kranke,Sterbende ,Menschen in Alters-und Pflegeheimen zu ihrem Mahl kommen!“

Für den heutigen Sonntagsgottesdienst hatte Sabine schon alles vorbereitet.

Dann ging sie in die Kirche und drückte auf den Knopf,der die Glocken in Gang setzte!
Aber die Glocken läuteten nicht!

Sabine ging zum Kirchentor und blickte auf all das,was durch den neuerlichen Lockdown ab morgen geschlossen sein würde:ihr veganes Lieblingsrestaurant,die Buchhandlung,das Stadttheater,das Literaturhaus,das Museum.

Und die Stadtbibliothek!
Sie liebte ja Kultur sehr,und Tränen liefen über ihr hübsches Gesicht.

Den heutigen Ablauf des Gottesdienstes hatte sich Sabine sehr gut überlegt:
Zuerst gab‘s einen schönen Psalm zu hören: „Gott,sei uns gnädig und segne uns!
Sieh uns an im Licht deiner Liebe!
Dann wird man auf der ganzen Welt erkennen,dass du uns führst.Alle Völker
werden sehen und verstehen:du willst die Menschen retten:

Die Völker sollen dir danken,Gott!
Ja,alle Völker sollen dich preisen! Alle Menschen sollen sich freuen und jubeln,
denn du bist ein gerechter Richter,du regierst die ganze Welt!
Die Völker sollen dir danken,Gott!Ja,alle Völker sollen dich preisen!
Das Land brachte eine gute Ernte hervor,unser Gott hat uns reich beschenkt.
Er segne uns auch weiterhin!Alle Völker der Erde sollen ihn anbeten!“

Als Lieder gab’s unter anderem „We Shall Overcome“ und“Let my People Go!“
Und Sabine zitierte aus der berühmten „Ich habe einen Traum!“Rede von Martin Luther King:
etwa,dass alle Menschen,ohne irgendwelchen Unterschied,gemeinsam am Tisch des Herrn
sitzen würden!

Als Evangelium wählte sie Matthäus:“Ich war hungrig,nackt,ohne Obdach,gefangen,krank! Ihr habt mir geholfen!“
Beim Abendmahl gab’s für jede/n ein eigenes Körbchen mit einer Hostie drin und je einen Becher pro Person mit Wein bzw.Traubensaft! Und in der Predigt schließlich sagte die hübsche Sabine:
„Wenn unsre Glocken nicht läuten,dann lasst UNS wie Glocken sein:was wir anderen sagen,
was wir anderen tun! So wie der Glockenklang sagt:“Das wird euch verkündet!“
So sagen und tun wir:“Wir sind in unserm Glauben an Gott für unsre Nächsten da:denn was ihr den „Geringsten“getan habt,habt ihr mir getan!“

„Liebe Schwestern und Brüder! Viele werden uns vorwerfen:die dürfen in die Kirche gehn,wir dürfen nichts mehr:Freizeiteinrichtungen,Theater,Kinos,Museen werden uns nun verboten und verschlossen sein!
Da ich selbst Kultur sehr liebe,kann mir das nicht gleichgültig sein!
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“Wir werden unsere Kollekte der nächsten
Gottesdienste einerseits Einrichtungen der Diakonie,andererseits Kunst- und Kulturschaffenden geben!
Es wird hier in unserer Kirche Bilder von Künstlern unserer Stadt geben,wir legen Bücher von Autoren auf,und auf einem Bildschirm,so auch bereits heute,werden wir virtuell Museen“besuchen“und Szenen aus Filmen und Teile von Theateraufführungen und Konzerten sehen!
Wo wäre unsere Nächstenliebe,wenn gerade wir als Christen
die Menschen,die mit Kunst und Kultur unser Leben bereichern,im Stich lassen würden?“


Drei Wochenenden und drei Sonntagsgottesdienste lang läutete die Glocke nicht!
Und dann fand Sabine einen Zettel.Hatte sie ihn bis jetzt übersehen?

Sie schickte den Zettel ins Rathaus!

In der größten Tageszeitung wurde mitgeteilt,dass die Buchhandlungen,die Museen und Theater,die Büchereien,auch das Literaturhaus wieder geöffnet würden! Die Kinos und der Konzertsaal übrigens auch! Und das vegane Restaurant!
Und all das halt unter Einhaltung von Maskenschutz,Abstandsregeln und Kontakttracing.

Und -Sabine konnte es nicht glauben! - ab sofort würden zwar die Lebensmittelmärkte weiter geöffnet haben(aber am Abend früher schließen!)- aber das riesige Einkaufszentrum am Stadtrand und der nicht minder riesige Baumarkt würden -geschlossen sein - und bis auf weiteres auch geschlossen bleiben!

Bevor Sabine an diesem Sonntag in ihre Kirche ging,blickte sie mit einem glücklichen Lächeln auf ihrem schönen Mund zu“ihren“
Kultureinrichtungen hinüber!
Und dann - begann die Glocke wieder zu läuten!!
gerhard
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Re: Die stumme Glocke

Beitragvon gerhard » Samstag 14. November 2020, 21:51

Weil Nächstenliebe,aber „auch“Kultur grad in
Covid- und Lockdown-Zeiten besonders wichtig und ein
wesentlicher und unentbehrlicher Teil unserer Lebensqualität sind!!!
gerhard
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