Mein Onkel hat einen Geburtstagstraum

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gerhard
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Mein Onkel hat einen Geburtstagstraum

Beitrag von gerhard »

Hallo, ich bin Rudi, ich bin sechs Jahre jung, und ich hab schon oft Geschichten gelesen, in denen ein aufgewecktes
kleines Mäderl über dies und das erzählt. Wie ihr an meinem Namen sehen könnt, bin ich KEIN kleines Mädchen, ich bin nicht einmal klein:
Ich bin schon 1.32 m groß, die meisten 6jährigen Jungen erreichen grad mal 1.20.

Naja, mein Papa ist fast 1.80 und meine Mama 1.77, ich werd sicher auch mal sehr groß werden!
Mein Papa, der 29 ist, ist der Jüngste von 11 Kindern, die Oma und Opa "geschafft" haben, die Älteste, Monika, war, als er auf die Welt kam,
schon verheiratet und hatte schon selber das erste Kind. Papa ist also schon als Onkel zur Welt gekommen! Monika hat längst schon
Enkerl!

Das zweite Kind von Oma und Opa war dann mein Onkel Günther, der vor drei Tagen Fünfzig geworden ist: Der hat nie
geheiratet und keine Kinder - aber ich kann mir keinen lieberen und besseren Onkel denken!

Papa und Mama sind Tischlermeister und Tischlermeisterin und tischlern gemeinsam tolle und schöne Möbel. Sie haben immer
schon sehr viel gearbeitet - und meine Geschwister und mich sehr lieb - aber leider oft wenig Zeit!

Ganz anders bei Onkel Günther, der Ober in einem Kaffeehaus ist - der muß zwar am Sonntag arbeiten, hat aber einen freien
Nachmittag und einen freien Vormittag - und an einem Tag in der Woche hat er ganz frei!

Das war, wie er mir schon oft erzählt hat, schon so, wie er ein junger Mann war. Und auch, als ich ihn kennengelernt habe:

Als ich zur Welt gekommen bin, war Onkel Günther 44 Jahre - und als ich schon "alt genug" war, um Gespräche zu verstehen,
hörte ich von Mama, mein Onkel habe mit seinen 44 "mindestens" 10 Jahre jünger ausgesehen!

Jetzt, mit seinen Fünfzig, sieht er immer noch viiiiiiel jünger aus!

Als der gaaanz kleine Rudi seinen Onkel kennengelernt hat, hat`s ihn nicht gekümmert, ob der wie 44 oder wie 34 aussah:

Für den noch sooo kleinen Jungen "bestand" Onkel Günther aus Haaren, in die er vergnügt fuhr, bis sie nach allen Richtungen
standen und von sowas wie einer Frisur nichts mehr übrig war, aus einem Gesicht, in dem er mit gaaaanz nassen und
klebrigen Patschhanderln rumtatschte - und einer Unterlippe, in der er sich einhakte und die er dann runterbog.

"Duduuu!"Was für ein super Spielzeug: Dieses Ding, diese Unterlippe, liess sich weit runterbiegen - und wenn der kleine Rudi
das "Ding" losließ, dann schnalzte es zurück! Und weil das soooo lustig war, machte das Kleinrudi viele, viele Male! Und krähte
dabei sehr fröhlich!

Onkel Günther war von Anfang an ein SEHR lieber Onkel: Je "älter" ich geworden bin, desto mehr hab ich von ihm und über
ihn "entdeckt":

Er hat mich eingepudert und mir die Windeln gewechselt, er hat mitgeholfen, mir, eine meiner Hände haltend,das Laufen beizubringen. Als ich zu reden begann, hat auch er mir viele Worte beigebracht!
Wie oft wir im Schwimmbad und am Spielplatz, im Zoo und im Zirkus gewesen sind, wie viel Eis wir uns gemeinsam gegönnt haben!

Wir sitzen oft im Kino und im Kindertheater. Mit Rucksäcken und "zünftig" ausgerüstet, beide mit einer Lederhose, gehn wir wandern.
Im Kaffeehaus bedient er niemanden so aufmerksam wie mich.

Und dann kommt er mit Kakao mit viel Schlagsahne und einer leckeren Obsttorte und sagt lächelnd:"Bitteschön, der Herr!"
Von einem Ohr zum andern schmunzelnd - das kann Onkel Günther sehr gut, weil er einen ziemlich großen Mund hat - steht er
dann mit seinen 1.75 m, dünn und ein bißchen schlaksig, vor mir, mit der hohen Stirn unter den dunkelbrünetten Haaren, in die
sich jetzt ein paar graue Strähnen "stehlen".

Blickt mich mit seinen graublaugrünen Augen durch die Brillengläser an -und geht dann, ganz würdevoller Herr Ober, mit
einem Lächeln auf seinen (ein bisschen zu)dicken Lippen (hat mich NIE gestört, die Unterlippe war sooo ein tolles Spielzeug!),
zu den Gästen am Nachbartisch.

Daheim bei uns sitzen wir entweder am Boden und bauen eine LEGO-Stadt (um die eine Modelleisenbahn herumkurvt), oder
wir spielen Domino oder Quartett oder "Mensch Ärgere Dich Nicht" - wenn Onkel Günther sich nicht hinter die Kasperl-Theater-"Bühne"
begibt - und dann Kasperl, Seppel, die schöne Prinzessin, der Räuber usw. die tollsten Sachen erleben!

Aber um jetzt endlich zum angekündigten "Geburtstagstraum" von ihm zu kommen: Am Tag seines Fünfzigers stand er auf, gähnte
und streckte und räkelte sich. Machte das Fenster auf und vierzig Kniebeugen und Liegestütze, Klappmesser und "Radfahren", auf
dem Rücken liegend und die Beine in der Luft, danach Armkreisen. Und konnte nicht fassen, was er sah: Wo waren die vielen
Autos hingekommen, die sonst unter seinem Schlafzimmerfenster durch die Straße "donnerten"?

Aus der Straße war eine Fußgängerzone geworden! Da standen kleine Bäume in großen Töpfen und viele Bänke, und dort gab es
nun einen Springbrunnen!
Vor der Kirche saßen zwei ältere Obdachlose, zwei Polizisten gingen an ihnen vorbei, lächelten und winkten ihnen zu und "verschwanden"
kurz in einem Supermarkt: Und "tauchten" dann wieder mit Sandwiches und Obst und zwei Bierdosen "auf"!

Bevor die Obdachlosen auf die andere Straßenseite gingen, wo auf einem Haus "Offenstube" stand - und wo es für sie leckeres
Essen, einen Gemeinschaftsraum, zwei Waschmaschinen, viele Kartenspiele, einen Lagerraum mit Kleidungsstücken, ein kleines
Geschäft mit SEHR billigen Dingen zum Einkaufen und auch Schlafräume gab -,plauderten sie mit ein paar Bettlern und den jungen
Punkern, die es sich direkt vor der Stadtpfarrkirche gemütlich gemacht hatten.

Onkel Günther schmunzelte - auch wenn er erstaunt war - und blickte dann kurz in den Spiegel: Nanu, wieso hatte er auf einmal
graue Haare? Sein Gesicht war immer noch "jugendlich" und fast ohne Falten - naja, es gab viele Fältchen in den Augenwinkeln und
lustige Lachfalten, mehr nicht!

Auf dem Nachtkästchen lag sein Reisepaß:NANU, was war denn das für ein Geburtsdatum?
Er holte seine Geldtasche und guckte auf seinen Büchereiausweis - Onkel Günther ist ein "Bücherwurm" -,auf seine Jahreskarte
für Autobus und Straßenbahn, auf den elektronischen Impfpaß auf seinem Handy, auf seine Gesundheitskarte: Nach all dem war
er SECHZIG Jahre!

Am Abend zuvor war er als noch 49jähriger schlafen gegangen!
WAS konnte da los sein? Onkel Günther zog seinen Morgenmantel an und klappte seinen Laptop auf: Die amtierende Regierung
war zurückgetreten. Der alte, sehr würdevolle Bundespräsident - der sich in schwierigen Lagen seines Landes mit viel Klugheit
sehr bewährt hatte! - war nun in Rente. Bundeskanzlerin wurde nun die sehr fesche Vorsitzende der Sozialdemokraten, eine
gelernte Ärztin.

Laut den Nachrichten, die Onkel Günther nun auf seinem Laptop las, waren auf den Tag vor 9 Jahren alle Maßnahmen wegen
Corona beendet/aufgehoben worden: nachdem mehr als 85 Prozent der Bevölkerung sich hatten impfen lassen!

Wie stets an seinem Geburtstag würde er auch heute gratis Wellnessen, Schwimmen und in die Sauna gehen können!
Das tat er auch - und kaum hatte er es sich in der herrlich duftenden Kräutersaune gemütlich gemacht, kam eine sehr hübsche
Frau herein: Die war eindeutig Mitte Fünfzig, sah aber auch sehr "jugendlich" aus: ein hübsches, rosiges Gesicht, wellige silbergraue
Haare, große blaue Augen, ein großer voller Mund, ein ziemlich "üppiger" Busen. Ihre Brille "wartete" vor der Sauna auf sie.

Marianne, die schmunzelnd sah, wie gut und jugendlich der Mann da noch aussah - und noch mehr schmunzelte, als sie sah,
dass sich seine Brustwarzen aufrichteten und sein Pimmel sichtlich größer und sehr fest wurde! -, begann, mit ihm unbefangen
über dies und das zu plaudern. Es dauerte nicht lange, bis sie herausgefunden hatte, dass sie die selben Lieblingsfilme und
Lieblingsbücher hatten - und es beiden sehr wichtig war, sich für Menschenrechte einzusetzen: Onkel Günther ist schon lang
bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International - als nun so unerwartet Sechzig Gewordener natürlich noch länger!

Am späteren Nachmittag gingen beide ins Stadtmuseum - als nun 60er konnte Günther nun als "Senior" gratis hinein.
Und danach war sie in "seinem" Kaffeehaus sein besonderer Ehrengast. Was sie dann in seiner gemütlichen Wohnung - mit sehr
viiiiiielen Büchern! - taten, verrate ich nicht!

WAS ich verrate, das ist, worüber sich Marianne und Onkel Günther alles freuten:
In Ungarn, der Türkei und Rußland hatte es demokratische Wahlen gegeben. Im benachbarten Weißrußland gab es nun anstatt
des Diktators Lukaschenko eine fesche Staatspräsidentin namens Maria Kolesnikowa: Die war lange in Gefängnissen und
Straflagern gesessen, weil sie sich für die Menschenrechte eingesetzt hatte.

Aber nun, mit einem zufriedenen Schmunzeln auf ihrem vollen, schön rot bemalten Mund, fuhr sie sich mit einer Hand durch die
kurzen blonden Haare und strahlte in die Kameras: Mit viel Schwung und Tatkraft würde sie sich für ein "Belarus" mit sozialer
Gerechtigkeit, Demokratie und Frauenrechten einsetzen!

Demnächst würde sie sich mit der russischen Präsidentin und der Ministerpräsidentin treffen: Das war eine hübsche auch blonde Frau,
Aljona Popowa - die sich schon lange für Frauenrechte und gegen Gewalt an Frauen einsetzt!

In Ungarn regierte nun eine "Allianz" fortschrittlicher Gruppen, im wunderschönen ungarischen Parlamentsgebäude an der Donau
saßen nun auch viele Roma(die kein Mensch mehr "Zigeuner" nennt!), die nun voll gleichberechtigt waren!
Der neue türkische Ministerpräsident war Kurde - und auch er würde sein Land mit Schwung in eine schöne und gerechte Zukunft führen!

Weit von der Türkei entfernt erfreuten sich die Eisbären an wieder für sie "normalen", also schön eiskalten Temperaturen.
"Dafür" gingen die Wüsten zurück. In Indien gab`s nicht mehr mehr als 45, sondern "nur" mehr 30 Grad!

Der Regenwald wurde gerettet, in Brasilien regierte nun eine Frau.
"Auch" Polen hatte nun eine Regierungschefin - die war, wie die meisten Menschen in Polen, katholisch - hatte aber viele Juden
als sehr gute Freunde!

Sie und andere Frauen würden nie vergessen, WIE eine erst 30jährige Frau namens Izabela gestorben war:
Die WOLLTE ihr Kind bekommen, hatte aber zu wenig Fruchtwasser: (Onkel Günther, der mir praktisch ALLES gut erklären kann,
hat mir auch erklärt und auf Bildern gezeigt, wie das mit der "Entstehung" von Kindern und so geht - wie also auch ich entstanden bin!)
Ihr Leben hätte durch eine "Abtreibung" gerettet werden können!

Ich will mir, gaaaaanz ehrlich, NICHT vorstellen, dass ein kleines Kind, das ja ein Kind wie ich ist, wenn`s auch noch im Bauch
der Mutter ist, getötet wird: Aber wenn sonst die Frau, in deren Bauch das Kind ist, sterben würde?

Izabela war gestorben, sie war Mama einer 9jährigen Tochter! Die keine Mama mehr hatte! Sie hatte schon über 39 Grad Fieber,
und sie starb an einer Blutvergiftung! Ich will mir auch NICHT vorstellen, was DAS ist!
Aber die neue polnische Regierungschefin wollte nun dafür sorgen, dass ALLE Menschen in Polen ein gutes und schönes Leben
haben sollten! Und NIEMALS mehr sollte eine Frau so schrecklich sterben!

Hand in Hand, mit vielen Küssen hin und her, spazierten Günther und Marianne in all ihrer Liebe durch eine schönere und
bessere Welt!

Hätte er sich ein noch schöneres Geburtstagsgeschenk vorstellen können?
Anstatt vielen Lieblingsbüchern und DVDs, Schokolade, einer Karte für viele Kinobesuche,
einem Gutschein für viele Besuche in seinem Lieblingsrestaurant, einer weiteren Karte für viele Einkäufe...
nun das Leben in einer soooo schönen Welt - an der er und Marianne mitwirken würden! - als sooo gaaanz
besonderes Geburtstagsgeschenk zu bekommen?

Onkel Günther beschloss daraufhin, uns zu besuchen. Und stand dann mit sehr großen Augen NICHT vor einem
für sein Alter großen Sechsjährigen, sondern einem hübschen Sechzehnjährigen. Klar, wenn ER 60 geworden war, dann war ich,
Rudi, nunmehr 16!

Wie immer küßte er seinen Neffen auf den Mund. Der war gleichermaßen ein sehr entschlossener, sehr sozial eingestellter,
sich sehr für seine Mitmenschen einsetzender UND sehr liebevoller Junge - der schon als kleiner Junge von seinen Eltern und
seinem Onkel alles mögliche gelernt hatte: einem Baby das Fläschchen geben und es wickeln, ein Zimmer ausmalen und tapezieren,
elektrische Leitungen verlegen.
Kochen, Nähen und Socken stopfen. Er hatte gelernt, was zu tun ist, wenn in der Küche der Abfluß verstopft ist und das Klo nicht geht.
Und er hatte gelernt, wie Mann und Junge mit Mitmenschen umgeht!

Schon oft hatte sich Onkel Günther mit seinem Neffen Rudi vor DESSEN "Kinderlaptop" gesetzt und ihm dies und das gezeigt:

z.B.viele Küsse auf der Welt:

ein sehr betagtes Ehepaar in einem Seniorenheim; ein fescher Afroamerikaner, Nachkomme von Sklaven,
der eine schöne brünette Frau, eine "Southern Belle", Nachfahrin von Sklavenbesitzern, innig,ja leidenschaftlich küßte;

(Ja, der SECHZEHNJÄHRIGE
Rudi wusste schon, was "leidenschaftlich" heisst: kannte er von sich und der Freundin, die er nun hatte)eine rüstige 87jährige Dame, die sich
im Seniorenheim in einen jungen, sehr gutaussehenden Zivildiener/Wehrersatz-Leistenden verknallt hatte("Thomas, Du bist sooo charmant,
ein richtiger Gentleman! Und ich mag deine gut gefüllten Lippen!") ;

PFritz und Franz, zwei Schwule mit drei Adoptivkindern; Helga und
Michaela, die als lesbisches Ehepaar und mit zwei adoptierten Kindern sehr glücklich waren; Dan(iel) und Susi, beide mit Downsyndrom
und ein SEHR inniges Liebespaar; Gustav, der "Dównsyndrom" hat, mit Laura, die groß, schön und "nicht behindert" war; Christian, der
mal Christa war, mit Petra, die als Peter zur Welt gekommen war...

Auf einmal macht es "Plopp", und vor mir, Eurem Rudi, steht mein 50jähriger Onkel Günther - und guckt sehr verdutzt und reibt sich
die Augen! Er ist aus seinem Traum aufgewacht!

Es ist immer noch "Lockdown", und immer noch Corona! Es gibt immer noch Leute, die gegen`s Impfen und so auf die Straße gehn!
Zu viele, die nichts kapieren und "nur" an sich denken!
Immer noch Länder, in denen Menschen unterdrückt werden, immer noch sooo viel, das ungerecht ist!

Und gemein und grausam! Ich will all das, was auf unsrer Welt sooo schlimm ist, gar nicht aufzählen! Zum Beispiel, gaaaanz schrecklich,
dass schon wieder eine Frau umgebracht worden ist! Und mehr will ich gar nicht sagen! Weil mir schon der Gedanke dran sooo weh tut!

Aber Onkel Günther, dem ich zu seinem Geburtstag viele dicke Bussis auf die Wangen und auf den Mund gebe("Du hast sooo einen
sinnlichen Mund!"grinse ich:"Das hat in einem Film mal eine Schauspielerin zu dem Komiker Jerry Lewis gesagt!"), sagt jetzt:
"Fangen wir doch mit einem gemeinsamen schönen Traum an!"

Dann gehen wir, das ist auch im "Lockdown" "erlaubt", spazieren! Nanu, wer ist denn die fesche Frau, nach der sich Onkel Günther
grad umgedreht hat? Nanu, wer ist denn das liebe und hübsche Mädchen da drüben? Vielleicht könnte sie mal meine Freundin werden!

Hörn wir nicht auf zu träumen! Mein Onkel Günther ist sooo ein toller und lieber Onkel, dass er sich noch viel,viel mehr als
einen schönen "Geburtstagstraum" verdient hat!

Alles Liebe, Euer Rudi!!
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