INS LEBEN HINAUS

Wie war das doch damals an meinem ersten Schultag?
Ach ja, da war ....
Schreibt doch Eure Erinnerungen und Erlebnisse hier ins Schreibpodium.

INS LEBEN HINAUS

Beitragvon heuberger » Donnerstag 29. Oktober 2015, 00:57

(Ein Erster Schultag der Anderen Art)

Er kam sich sehr klein vor.
Daher hoffte er, schneller zu wachsen, um bald die normale Größe zu erreichen. Und so spielte sich allmählich jeden Morgen das gleiche Ritual ab: Nach dem Aufstehen maß er zuallererst seine Größe, um festzustellen, ob er in der Nacht vielleicht um den entscheidenden Schritt gewachsen war. Das war sein Ziel, das er sehnsüchtig erreichen wollte.
Und so hatte er sich ein richtiges, unfehlbares Maßsystem ersonnen, das ihm ungeschönt die Wahrheit zeigte: Der große Tisch im Esszimmer. Er wollte auf die Tischplatte sehen können, ohne auf die Zehenspitzen stehen zu müssen, um zu schummeln.
Und so war es auch an diesem Morgen: Als er sich ganz nah an den Tisch stellte, sah er die Kante der Platte. Mehr nicht. Enttäuscht ging er in die Küche, um Hansi, sein Meerschweinchen, das dort in einem Käfig die Nacht verbrachte, zu füttern. Jeden Morgen stand sein Freund bereits wartend hinter dem Käfiggitter, zirpte und pfiff und rannte erwartungsvoll hin und her.

Heute blieb alles ruhig. Als der Junge näher an den Käfig herantrat, lag das Meerschweinchen auf dem Rücken und rührte sich nicht. Da rief er seine Eltern, die sich die Sache ansehen sollten. Die kamen denn auch und schauten sich die Geschichte an.
„O Sch…!“ murmelte da der Vater, und die Mutter nahm den Jungen in ihre Arme und streichelte ihn. Da begriff er, schrie los und wollte sich nicht trösten lassen. Soviel verstand er, Hansi, der immer dagewesen war, seit er sich erinnern konnte, würde ihn von jetzt an nicht mehr am Morgen begrüßen. Und so schrie, jammerte, klagte und trauerte er, wohl mehr um sich und seine Verlassenheit, und weniger um seinen kleinen Freund. Diesen Unterschied kannte er damals noch nicht.

In der Schule nahm der Lehrer Rücksicht. Der Vater hatte ihn telefonisch über das Vorgefallene verständigt. Also durfte er vor der Klasse erzählen, was geschehen war. Dann erzählten andere Kinder ähnliche Geschichten, wo es darum ging, dass ein geliebtes Tier gestorben war. Und zum Schluss wurde sogar noch ein Bild gemalt: Hansi, wie er in seinem Grabe liegt. Dann ging es ihm besser, und die restlichen Unterrichtsstunden stand er klaglos durch.

Am Nachmittag begruben sie dann das tote Meerschweinchen im Garten. Da es in der Bibel wenige Texte mit Bezug zu Tieren gibt, die hier zu dieser Situation gepasst hätten, beließen sie es bei dem Bild vom „guten Hirten“, der sich um seine Tiere kümmert.
So sprachen sie denn Albert Schweitzers (erweitertes) Gebet für die Tiere:
„O Gott, höre unser Gebet für unsere Freunde, die Tiere, besonders für alle die Tiere, die gejagt werden oder sich verlaufen haben oder hungrig und verlassen sind und sich fürchten; für alle Tiere, die eingeschläfert werden müssen. Für sie alle erbitten wir deine Gnade und dein Erbarmen, insbesondere auch für die, die wir züchten, um sie zu töten und dann weiter zu verwerten. Und für alle, die mit ihnen umgehen, erbitten wir ein mitfühlendes Herz, eine sanfte Hand und ein freundliches Wort. Mach uns selbst zu wahren Freunden der Tiere und lass uns so teilhaben am Glück der Barmherzigkeit. Amen.“

Das Vaterunser folgte.

Und dann betteten sie den kleinen Leichnam in sein Grab, schütteten es zu, stellten ein kleines Holzkreuz auf, mit der Inschrift:
Hier ruht
Hansi das Meerschweinchen
+ R.I.P. +
und gingen dann ins Haus zurück.

Der Nachmittag verging still.

Als ihn dann seine Eltern am frühen Abend ins Bett brachten, erklärte ihm der Vater, dass Meerschweinchen nicht so alt werden wie etwa Menschen. Mit ungefähr 6 Jahren wird es für ein Meerschweinchen Zeit, zu gehen.
Das wusste der Junge damals aber noch nicht. Und so schlief er, den Teddy im Arm, schluchzend ein.
Am nächsten Morgen waren seine Wimpern verklebt von den getrockneten Tränen. Erst, als dies mit lauwarmem Wasser ausgewaschen war, konnte er die Augen öffnen.

Als er hinabging ins Esszimmer, konnte er zum ersten Mal auf die Tischplatte sehen.


(Für synästhetisch Empfindende ein Stück Musik. Ich erlebe es als passend.)
https://www.youtube.com/watch?v=NRTWLQ4nI6Q
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