Everything Changes - Liebesromanze
Verfasst: Samstag 9. November 2013, 20:56
Prolog und Kapitel 1 - 2:
Prolog
„Hey, ich bin zu Hause!“
Er ließ die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen und stellte recht überrascht fest, dass alles dunkel war. Es überraschte ihn deshalb, weil seine Frau stets darauf bedacht war, ihn unermüdlich per Textnachricht oder in Form von kurzen Anrufen darüber zu informieren, wo sie war und was sie tat.
Wäre man eher zynischer Natur, würde man wohl sagen, es sei der reine Kontrollzwang, da sie viel mehr wissen wollte, was ihr Mann so trieb. Dieses ständige, unterschwellige Misstrauen war besonders aus Sicht seiner Freunde komplett daneben, denn auch, wenn die es nicht nachvollziehen konnten, treu war er ihr!
Sie hatte also augenscheinlich keinen Grund, ihm nicht zu vertrauen.
Er seufzte, knipste das Licht in der Diele an, ging schnurstracks in die Küche, machte sich auch hier Licht und fand ein Post-it am Kühlschrank:
'Hey Baby, bin zu Meredith auf ein Glas Wein. Ich liebe dich, bis später!'
Irgendwie war er erleichtert, dass sie nicht da war und er genoss es, einfach seine Ruhe nach diesem anstrengenden Arbeitstag zu haben. Manch einer würde wohl behaupten, dies seien keine idealen Voraussetzungen für eine Ehe, was wohl leider auch der Fall war.
Sie hatten sich während seines Studiums kennengelernt, als er in ihrer Boutique einen Anzug gekauft hatte. Dieser Laden war ein Geschenk von einem schwerreichen Vater für seine Tochter gewesen, um dieser einen Mädchentraum zu erfüllen.
Am Anfang war er alles andere als interessiert gewesen, denn sie war nicht sein Typ, aber sie war beharrlich geblieben und hatte um ihn gekämpft.
Schlussendlich waren sie dann doch zusammengekommen, er wusste heute selbst nicht mehr, warum eigentlich.
Obendrein hatte ihr Vater ihm auch noch einen Job als Prokurist im Anschluss an sein Jurastudium in dessen Firma angeboten, und so hatte er sich wohl immer mehr verpflichtet gefühlt.
Auch etwas, dass er sich nicht mehr wirklich erklären konnte. Schließlich hatten sie also geheiratet und sich nur noch weiter in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt - aus seiner Sicht!
Wie auch immer, hier war er nun: 38 Jahre alt, nach wie vor Prokurist in der Firma seines Schwiegervaters und er hatte das Gefühl, sein Leben würde einfach so an ihm vorbei ziehen.
Angela hingegen wollte es partout nicht wahrhaben, denn für sie war er der absolute Traummann, auch noch nach so vielen Jahren.
Deshalb blockte sie auch jedes Mal ab, wenn er mit ihr darüber sprechen wollte, was ihn nervte und dazu führte, dass er ihr gegenüber immer ungerechter wurde.
Er hatte lange gebraucht, um sich selbst einzugestehen, dass von seiner Seite aus keine Gefühle mehr da waren, wenn sie denn überhaupt jemals völlig bedingungslos dagewesen waren. Den Eindruck, er würde mit rosaroter Brille durchs Leben gehen, den hatte wohl nie einer gehabt, inklusive seiner eigenen Wenigkeit.
Wie hatte es sein bester Freund neulich so lapidar formuliert: die Macht der Gewohnheit.
Der gut gemeinte Rat, den er gratis dazu hatte, war, er solle sich scheiden lassen und endlich sein Leben genießen, er könne schließlich jede haben. Aber Mike hatte leicht reden.
So einfach war das nicht, und immerhin hatten sie auch tatsächlich mal schöne Zeiten zusammen verlebt und Gefühle hatte er doch auch für sie gehegt, sonst hätte er sie wohl kaum geheiratet! Oder?
Aber egal wie, er wollte nicht eines dieser Arschlöcher werden, die ihre Frauen einfach im Stich lassen und durch die Weltgeschichte vögeln.
Er seufzte abermals in sich hinein, holte sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Bier, stellte sich ans Fenster und blickte hinunter in die Straßen New Yorks.
Im Fensterglas sah er schemenhaft sein Spiegelbild und fragte sich, wie lange er den Anblick noch ertragen könnte, wenn er nicht bald reinen Tisch machte.
Nachdem er das Bier in wenigen Schlucken geleert hatte, überkam ihn schlagartig eine unschöne, lähmende Müdigkeit.
Er schlurfte also ins Bad, putzte sich die Zähne, wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und starrte sich anschließend in dem überdimensionalen Spiegel an.
Die vielen beruflichen Termine der letzten Tage hatten eindeutig ihre Spuren an ihm hinterlassen. Seine großen, ausdrucksstarken, grünen Augen wirkten glanzlos und die schwarzen Ränder, die sich neuerdings darunter abzeichneten, hätte man an diesem Abend selbst mit Camouflage nicht mehr wegzaubern können.
Die sinnlich geschwungenen Lippen waren blass und seine sonst recht weichen Züge erschienen hager. Er strich sich mit den Händen durch das schwarze, modisch geschnittene Haar, entledigte sich seiner Klamotten und verließ das Bad Richtung Schlafzimmer, wo er sich ins Bett fallen ließ und erschöpft einschlief.
Angela kam gegen 23.30 Uhr nach Hause, was er nicht mehr mitbekam. Für sie war die Welt in bester Ordnung, sie legte sich hinter ihn, küsste ihn sanft auf den Nacken und schlang ihre Arme um ihn.
Kapitel 1 - In Chains
Am darauf folgenden Morgen, einem Dienstag, hatte sich Gregory Byron Preston vorsichtig aus der Umarmung seiner Frau gelöst, sich so leise wie möglich fertiggemacht und dann viel zu früh den Weg zur Firma angetreten.
Um die Zeit bis zum Arbeitsbeginn zu überbrücken, hatte er sich an einem Zeitungsstand die Times gekauft und war zu einer der vielen Starbucks Filialen gegangen. Dort bestellte er sich einen anständigen Espresso und verkrümelte sich mit den Neuigkeiten aus Politik, Wirtschaft und Co. in eine ruhige Ecke, in der Hoffnung, durch das starke italienische Gesöff noch etwas wacher zu werden.
Pünktlich um 9.00 Uhr war er dann in seinem Büro angekommen, wo ihn seine Assistentin wie jeden Morgen begrüßte, ihm die Unterschriftenmappe in die Hand drückte und dann die Kaffeemaschine anstellte. An diesem Morgen jedoch schien etwas anders zu sein als sonst, sie machte auf Greg einen bedrückten, unsicheren und nervösen Eindruck.
Sie war schon die Assistentin seines Vorgängers hier gewesen, also kannten sie sich mittlerweile eine Ewigkeit und er schätzte sie sehr.
Entsprechend besorgt streckte er dann seinen Kopf noch mal aus seinem Büro, nachdem er seine sieben Sachen dort abgestellt hatte: „Alles in Ordnung, Mrs Miller?“
Die sympathische Dame Anfang 50 fuhr irritiert dreinschauend herum, fing sich jedoch schnell wieder: „Um ehrlich zu sein, nein... Könnten wir vielleicht einen Moment in Ruhe reden?“
Sie senkte traurig den Kopf und Gregory, dessen Herz gerade dabei war, in die Hose zu rutschen, antwortete weitaus enthusiastischer, als ihm zumute war: „Klar, schnappen sie sich Ihren Kaffee und kommen Sie mit.“
Er zwinkerte ihr aufmunternd zu, war aber gespannt wie ein Bogen und es schwante ihm nichts Gutes. Jedoch bemühte er sich um Professionalität, er wollte sich nichts anmerken lassen. Schließlich war er ihr Vorgesetzter.
In seinem Büro deutete er auf die Sitzecke, die aus einem gemütlichen, sehr modernen und sehr niedrigen Zweisitzer im Lounge-Style, ein Paar dazu passenden Sesseln und einem dunkel lackierten, ebenso niedrigen Teakholztisch bestand.
Seine Angestellte nahm auf dem Sofa platz, er selbst ließ sich ihr gegenüber auf einem der Sessel nieder.
„Nun sagen Sie schon! Was um alles in der Welt ist passiert?“ Er kaute fahrig auf seiner Unterlippe und versuchte zu ergründen, was in ihr vorging. Wollte er nicht eigentlich den Routinierten abgeben? Egal, er war zu angespannt, um einen auf cool zu machen.
„Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll, Mr Preston. Es ist alles andere als erfreulich für mich!“
„Sie jagen mir 'ne riesen Angst ein!“
Sie sah ihn entschuldigend an, senkte dann jedoch wieder den Kopf und sprach schnell weiter: „Wissen Sie, mein Mann hat letzte Woche einen überaus lukrativen Job in Chicago
angeboten bekommen und er hat, nach reiflicher Überlegung, gestern zugesagt.“
„Okay... Sie erzählen mir gerade, dass Sie kündigen und mit ihrem Mann nach Chicago gehen werden?“ Der Tag fing echt beschissen an und er konnte seine Enttäuschung, wobei Verzweiflung es wohl eher getroffen hätte, nicht verbergen.
„Sieht so aus... Leider... Aber mein Mann wäre blöd gewesen, dieses Angebot abzuschlagen, das weiß ich auch! Ich hätte es mir auch nie verziehen, wenn ich ihn dazu gebracht hätte, mir zuliebe auf eine solche Chance zu verzichten, trotzdem bin ich sehr zwiegespalten. Ich habe mein Leben lang in New York gelebt, meine Familie und Freunde sind alle hier. In Chicago habe ich im Moment keine Perspektive und mit 52 bekomme ich auch nicht mehr so mir nichts, dir nichts neue Arbeit.
Abgesehen davon fühle ich mich hier sehr wohl und einen besseren Chef als Sie es sind, kann ich mir nicht wünschen. Aber was hilft es?“
Eine Pause entstand, in der beide ihren Gedanken nachhingen, dann ergriff Gregory Preston wieder das Wort: „Eigentlich ist es ja aus Sicht Ihres Mannes eine wirklich tolle Nachricht, aber aus meiner eine ziemlich Schlechte. Ich lasse Sie wirklich nicht gerne gehen!“ Er sah seine langjährige Assistentin betroffen an.
Eine kleine Träne verselbstständigte sich in diesem Moment bei ihr und kullerte ihre Wange hinunter.
Da weder Mitleid für Sie, noch sein eigenes Selbstmitleid etwas bringen oder gar ändern würde, sammelte er sich, dachte kurz nach und unterbreitete ihr dann einen Vorschlag, der sie, so hoffte er, ein wenig aufmuntern würde.
„Was Ihre beruflichen Aussichten in Chicago angehen, so warten Sie erst mal ab Mrs Miller, ich werde mich mal für Sie umhören. Brody Inc. hat ein paar solide Geschäftskontakte nach Windy City. Vielleicht lässt sich da was machen! Wäre das ein kleiner Lichtblick für Sie?“
„Das würden Sie für mich tun?“ Ihre Miene erhellte sich tatsächlich ein wenig.
„Wenn nicht für Sie, für wen dann? Und wenn Sie mich hier schon mit Brody alleine lassen, dann will ich wenigstens wissen, dass Sie gut unter sind!“
Jetzt lächelte er sie wieder aufrichtig an, es war dieses Lächeln, in das sich Angela jeden Tag neu verliebte und dem auch so viele andere Frauen sehnsüchtig hinterher lechzten.
---
Nachdem der attraktive Jurist den ersten Schock verdaut hatte, traf er sich später an diesem Tag mit seinem besten Freund Mike, der inzwischen eine eigene Kanzlei an der Upper East Side hatte, zum Lunch, um ihm bei einem Caesars Salad von seinem turbulenten Vormittag zu berichten.
„Oh man, Greg! Tut mir echt leid, dass Mrs Miller geht! Das hat dir ja gerade noch gefehlt.“ Der blonde Hüne schüttelte Anteil nehmend den Kopf.
„Du sagst es! Vor allen Dingen bedeutet das, ich muss mir völlig objektiv und unvoreingenommen 'ne neue Assistentin suchen. Wirklich klasse! Wird bestimmt saumäßig einfach und ein riesen Spaß!“ Gregorys Stimme triefte vor Ironie. „Und wenn das nicht schon genug für einen Tag gewesen wäre, so hat mir dann mein werter Schwiegervater eben noch ganz spontan 'ne Dienstreise aufgedrückt. Für die nächsten drei Tage muss ich runter nach D. C. – neue Verträge mit Geschäftspartnern aushandeln und abschließen. Angela wird mal wieder am Rad drehen.“
Noch bevor Mike ein paar schnippische Kommentare über die ihm verhasste Frau seines besten Freundes loslassen konnte, klingelte Gregs iPhone. Ein Blick des Schwarzhaarigen auf das Display ließ diesen die Augen verdrehen: „Angela.“
„Haben der jetzt die Ohren geklingelt?“ war dann doch noch die spöttische Bemerkung des Scheidungsanwalts in Richtung Mrs Preston.
Greg ging nicht darauf ein, sondern nahm den Anruf entgegen: „Hey, was gibt's?
- Wieso?
- Nein!
- Angela, lass uns heute Abend darüber reden, ja? Ich bin spätestens um 6 Uhr zu Hause, weil ich morgen nach Washington muss.
- Beschwer' dich bei deinem Vater, der hat mir das heute unverhofft aufs Auge gedrückt, weil er irgendwelche anderen terminlichen Verpflichtungen hat, die er angeblich nun doch nicht verschieben kann. Was auch immer...
- A-N-G-E-L-A, heute Abend, okay? Gut, bis später.“
Michael Kensingtons Gesichtsausdruck sprach Bände, als Gregory den Anruf beendete, das Telefon auf Seite legte und aus tiefster Seele seufzte.
„Greg, du musst endlich Tacheles reden, hörst du?!“
„Ich weiß. Aber du kennst sie doch! Ich habe noch nie einen so konfliktscheuen und gleichzeitig so streitsüchtigen Menschen wie sie erlebt. Sie handelt das ab, wie alles andere bisher auch:
Ich spreche ein Problem an, sie ignoriert es, hält mir im Gegenzug alles Mögliche vor und versucht mir weiß zu machen, ich sei an allem Schuld und wüsste nicht zu schätzen, was sie und ihr Dad alles für mich getan hätten.“
„Das nennt man emotionale Erpressung und im Übrigen kann ich es mir echt nicht mehr lange mit angucken, wie unglücklich du bist! Ich mache mir Sorgen um dich!“
Greg schaute unsicher und etwas verlegen unter sich, dann antwortete er schnell: „Wenn ich aus D. C. wieder da bin, werde ich es ihr einfach an den Kopf hauen! Vielleicht brauche ich mir dann auch keine neue Assistentin mehr suchen, weil mein geliebter Schwiegervater mich eh auf die Straße setzt und sich 'nen neuen Prokuristen sucht, wenn
er erfährt, dass ich seine Tochter nicht mehr liebe.“
---
Die Woche war unterdessen vergangen wie im Flug, Gregory war nach Washington abgereist und dort dabei, die Angelegenheiten zur Zufriedenheit seines Chef zu regeln, während in New York ganz andere Sachen ohne ihn geregelt worden waren.
---
Es war inzwischen Freitagvormittag und Lorena Johnson sah sich neugierig an ihrem neuen Arbeitsplatz um. Mr. Brody, ein guter Freund ihres alten Chefs hatte vergangenen Mittwoch bei diesem angerufen und geklagt, das die Assistentin seines Prokuristen mit Ablauf des Monats mit ihrem Mann nach Chicago ziehen würde. Lorena wiederum hatte ihrerseits in der Kanzlei gekündigt, weil das Arbeitsklima katastrophal war und sie einfach nicht mehr konnte. Ihr Ex-Boss hatte daraufhin sie als Nachfolgerin vorgeschlagen und sie war am selben Tag zu einem Vorstellungsgespräch bei Mr. Brody erschienen. Das Glück war ihr hold und sie hatte allen Ernstes eine Zusage erhalten, womit sie im Leben nicht gerechnet hätte.
Nun hatte sie heute ihren ersten Probearbeitstag und Mrs. Miller, deren Job sie übernehmen sollte, würde sie die nächsten zwei Wochen einarbeiten. Wenn die großen Bosse miteinander verhandeln, dann ging immer alles ganz schnell und die Einhaltung von Kündigungsfristen war prioritär ganz weit hinten angesiedelt. Ihr sollte es recht sein!
Mrs Miller war eine sehr nette und erfahrene Frau Anfang fünfzig und Lorena hatte sich auf Anhieb wohlgefühlt. Außerdem hatte sie nur Gutes von ihrem zukünftigen Chef, einem Mr Preston gehört. Mrs Miller schien ehrlich traurig zu sein, nicht mehr für ihn arbeiten zu können.
Ein wenig mulmig war ihr dennoch vor dem ersten Zusammentreffen zumute, war sie doch von Mr Brody einfach so eingestellt worden. Was würde wohl Mr Preston zu seiner neuen Angestellten sagen? Der befand sich nämlich auf Geschäftsreise und sie würde ihm erst am Montag begegnen. Sie hoffte jedenfalls, dass sie hier bleiben konnte, denn alles war besser, als ihre alte Stelle.
Kapitel 2 - Expect the unexpected
Ein Wochenende in aufreibend nervösem Zustand hatte Lorena zum Glück überstanden, wenngleich sie sich nicht ganz sicher war, ob ihr nicht einige graue Haare gewachsen waren.
Ihr Puls hatte sich jedenfalls nicht beruhigt. Nur gut, dass es endlich Montag und sie an ihrem neuen Arbeitsplatz angekommen war! Jetzt hoffte sie nur noch, ihr neuer Chef würde sie akzeptieren.
Da Mrs Miller gerade einige Sachen, die erledigt werden mussten, zum Schreibpool brachte, nutzte Lorena die Minuten des Leerlaufs dazu, sich genauer umzusehen. Alles hier wirkte so persönlich und gemütlich. Eigentlich das genaue Gegenteil zu der Anwaltskanzlei, in die sie sich bis einschließlich letzte Woche Donnerstag noch jeden Morgen geschleppt hatte.
Ihr zukünftiges eigenes Büro war ein großer Raum, dessen Boden mit hochwertig wirkendem Parkett ausgelegt war. An den Wänden waren beigefarbene Tapeten und außerdem zahlreiche Bilder in stilvollen dunklen Holzrahmen. Außerdem gab es große Fenster, die viel Tageslicht hereinließen. In einer Ecke gab es eine gemütliche Sitzgruppe aus modernen Lounge-Möbeln für wartende Kunden, daneben ging ein kleiner Raum ab, der mit einer Küchenzeile ausgestattet war. Gegenüber der Sitzgruppe war eine imposante Flügeltür, die zum Office von Mr Preston führte. Links daneben stand ihr großer Schreibtisch aus dunklem Holz und einem sehr bequemen Ledersessel. Das Büro ihres neuen Chefs war ähnlich eingerichtet. Alles in allem war es hier sehr behaglich, wie sie fand.
Apropos Chef: Es ging inzwischen auf 10 Uhr zu und eigentlich hätte er schon längst da sein müssen. Lorena wurde immer nervöser.
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„DU HAST WAS???“ Greg war fassungslos und maßlos wütend! Er spie seinem Schwiegervater die Worte förmlich ins Gesicht.
„Was regst du dich eigentlich so auf?“ John Brody sah ihn verständnislos an. „Sei doch froh, dass ich dir die Arbeit abgenommen habe.“
„Arbeit abgenommen? Die hättest du mir abgenommen, wenn du deine scheiß Geschäftstermine in Washington selbst wahrgenommen hättest! So viel hattest du ja offensichtlich hier nicht zu tun, wenn du Zeit hattest, mir eine neue Assistentin vor die Nase zu setzen, ohne Rücksprache mit mir zu halten! ICH muss schließlich in Zukunft mit der Dame zusammenarbeiten, NICHT DU!!!“
„Nun halt aber mal die Luft an Gregory, das sollte ein Gefallen sein! Ich habe mit meinem guten Freund King gesprochen und ihm bloß erzählt, was hier los ist, weil du in D. C. bist und Miller zum Monatsende geht. Daraufhin hat er mir gesagt, eine seiner fähigsten Angestellten hätte ebenfalls gekündigt. Sie ist wohl von den anderen weiblichen Angestellten gemobbt worden, weil sie ausgesprochen klug ist und daher von den Partnern die wichtigsten Arbeiten zur Erledigung bekommen hat. Blablabla, du weißt ja, wie neidische Weiber sein können. Also hab ich sie herbestellt und sie hat mich mit ihrem Fachwissen sehr überzeugt. Du weißt, dass soll bei mir was heißen! Lern' sie doch erst mal kennen! Wenn du sie nach der Einarbeitungszeit dann für unfähig hältst, dann muss sie eben wieder gehen.“
Gregory schnaubte verächtlich. Das war die so typische melodramatische Taktik der Familie Brody. Immer schön auf sein Gewissen abzielen. John wusste ganz genau, dass Greg nicht der Typ war, der ohne Weiteres so locker dafür sorgte, dass ein neues Firmenmitglied einfach wieder gefeuert wurde.
Er würde also zunächst die Füße stillhalten und die gute Ms Johnson und ihre Fähigkeiten in Augenschein nehmen. Dann würde er sich das Urteil von Mrs Miller anhören, denn die arbeitete sie schließlich ein und hatte eine gute Menschenkenntnis. Wenn dann Hopfen und Malz verloren waren, konnte er sich immer noch das Hirn zermartern.
Nachdem Greg, der es wieder nicht über sich gebracht hatte, am vergangenen Wochenende mit seiner Frau zu sprechen, dem alten Brody mit noch schlechterer Laune, als er sie ohnehin schon hatte, die Ereignisse in Washington geschildert hatte, war er nun in Eile, zu seinem Büro zu kommen.
Es war mittlerweile 10 Uhr durch und er hatte noch keinen Kaffee gehabt, da er gleich zu Dienstbeginn die Berichterstattung bei Brody hinter sich bringen wollte. Dann war er zu geladen gewesen, um das Angebot von Johns Assistentin, sie würde ihm einen Kaffee kochen, anzunehmen. Schnellen Schrittes wuselte er jetzt durch die Korridore, fuhr ein Mal mit dem Lift und hatte dann endlich seine Etage erreicht. So aufgebracht der Jurist auch war, er platzte schier vor Neugierde! Wollte er doch trotz alledem endlich wissen, wen sein Herr Schwiegervater barmherzigerweise für ihn eingestellt hatte. Nur noch wenige Meter, dann würde sich zeigen, mit wem er es ab sofort zu tun hatte.
Auf dem Flur hörte er bereits die Stimmen von Mrs Miller und die einer anderen Frau, Ms Johnson seiner logischen Schlussfolgerung nach.
Er blieb kurz stehen, atmete tief ein und aus, in der Hoffnung, sein Ärger würde verfliegen, denn die Neue konnte schließlich nichts dafür, dass Brody ein Idiot war! Als er seine Emotionen wieder im Griff zu haben glaubte, betrat er das Office seiner Assistentin und war mit einem Schlag völlig perplex, fühlte sich auf eine seltsame Art und Weise schachmatt gesetzt.
Konnte es so was geben? Er hatte Mühe ruhig zu bleiben, als er in die Damenrunde grüßte: „Guten Morgen...“
„Guten Morgen Mr Preston, da sind Sie ja! Ich hoffe, in Washington hat alles geklappt!“ Mrs Miller sprang auf und zog Lorena an der Hand hinter sich her: „Das wird meine Nachfolgerin! Darf ich vorstellen, Lorena Johnson“, dann machte sie eine bedeutungsschwangere Pause, „Brody hat sicher schon gebeichtet?“
Das 'gebeichtet' hatte einen äußerst sarkastischen Unterton, kannte sie John Brody doch auch nur zu gut.
Das wiederum quittierte Greg im Geiste mit einem Grinsen, ging allerdings nicht weiter darauf ein, wollte er doch seiner künftigen Mitarbeiterin nicht das Gefühl geben, sie sei unerwünscht. Stattdessen hielt er Lorena die Hand hin und hieß sie bei Brody Inc. willkommen. Außerdem versuchte er, so unauffällig wie möglich, durch ruhige Atmung seinen Herzschlag zu kontrollieren.
Er konnte es nicht fassen, dass diese Frau es schaffte, ihn derart aus der Fassung zu bringen. Gleichsam konnte er sich nicht erinnern, wann ihm jemals ein so schönes Geschöpf begegnet war. Sogar das schlechte Gewissen in Bezug auf seine Frau blieb aus. Angela, wer zur Hölle war Angela???
Diese Lorena Johnson war locker einen Kopf kleiner als er und das sollte bei seinen 1,70 m schon was heißen. Sie war außerdem sehr zierlich und hatte trotzdem sinnliche, weibliche Kurven. Ihr dunkelbraunes Haar ging ihr bis knapp unter die Brust und war leicht stufig geschnitten. Ihr Gesicht war ausdrucksstark mit großen dunkelbraunen Augen, die beinahe schwarz wirkten und vollen, schön geschwungenen Lippen. Außerdem hatte sie ein bezauberndes Lächeln und strahlte in ein paar Minuten so viel Wärme aus, wie besagte Ehefrau in den letzten fünfzehn Jahren nicht.
Aus irgendeinem Grund war er plötzlich nicht mehr wütend auf den alten Herrn, dass er sie eingestellt hatte...
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Lorena hingegen war ebenfalls komplett aus dem Konzept. Sie hatte eigentlich keine Vorstellung von Gregory Preston gehabt, aber DAS hatte sie nun auch nicht erwartet.
Vor allen Dingen nicht nach der Begegnung mit dem unsympathischen alten Mann, der sie eingestellt hatte. Der ging nach ihrem Geschmack gar nicht und sie war sich sicher, bei Weitem nicht die Einzige in diesem Raum zu sein, die so dachte. Hatte Hannah Miller doch auch schon durchblicken lassen, dass Preston den miesepetrigen Brody am liebsten auf den Mond schießen würde. Wie auch immer, als sie vor Greg Preston stand und er sie begrüßte, hoffte sie, er würde ihr Herz nicht schlagen hören können. Er sagte etwas zu ihr, aber sie war schlicht geistesabwesend und starrte ihn bloß an.
Seit wann in Gottes Namen gab es so appetitliche Juristen auf diesem Planeten? Er hatte ein völlig makelloses Gesicht mit weichen Zügen und dieses erhabene Profil mit dem leicht gewölbten Nasenrücken, was sie bei Männern so anziehend fand. Außerdem die schönsten Augen, die sie je gesehen hatte, sein Blick war auf nicht unangenehme Weise durchdringend. Fast schien es so als könne er direkt in ihre Seele blicken. Die schwarzen Haare ließen das intensive Grün seiner Iris noch mehr leuchten. Dazu kam dieses warmherzige, charismatische und zugleich unverschämt charmante Lächeln. Er war außerdem nicht sehr groß, was für sie, mit ihren 1,56 m von Vorteil war und obwohl er sehr schlank war, wirkte er nicht dürr.
Irgendwie wirkte er mehr wie ein Rock- oder ein Filmstar, nicht wie ein schnöder Rechtsverdreher. Sie war fasziniert von ihrem Gegenüber und fragte sich, wie sie sich in Zukunft auf ihre Arbeit konzentrieren sollte, wenn sie SO einen Chef hatte.
Dann fiel es ihr ein: Er ist verheiratet, hatte Hannah erwähnt, DAS sollte wohl als Abkühlung genügen.
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Mike rutschte ungeduldig auf dem Barhocker hin und her. Er und Greg hatten sich in ihrer
Stammbar auf ein Bier nach der Arbeit getroffen. Gregory hatte ihm bereits von den Neuigkeiten aus der Firma berichtet, ließ sich aber in Bezug auf Einzelheiten zu seiner neuen Angestellten jedes Wort aus der Nase ziehen: „Ja und? Was hast du nun für 'nen Eindruck von der Johnson?“
„Och, ich warte mal die Einarbeitungszeit ab. Hab eben noch mit Mrs Miller gesprochen und die war nach nur zwei Tagen schon hin und weg. Im Moment bin ich also guter Dinge, dass seine Durchlaucht nicht noch 'ne Assistentin für mich einstellen muss.“ Greg hatte unentwegt seine Flasche Corona angestarrt und am aufgeweichten Etikett rumgepult, während er bemüht war, so beiläufig wie möglich zu klingen. Er hoffte inständig, Mike genügend mit Infos zur neuen Mitarbeiterin gefüttert zu haben, und dass er ihn mit dem Thema Lorena Johnson ab jetzt in Ruhe lassen würde. Doch weit gefehlt...
„Preston, du unterschlägst Infos!“ Michael hatte Lunte gerochen, obgleich er nicht sicher war, weswegen. Aber er beschloss, den kleinen schwarzhaarigen Mann auf dem Hocker neben ihm ins Kreuzverhör zu nehmen.
Der Angesprochene sah entgeistert auf und zog die rechte Augenbraue hoch: „Was meinst du?“
„Was meinst du, fragt der mich“, der Blonde schüttelte entgeistert sein Haupt und schnalzte mit der Zunge“, du bist mit den Gedanken woanders, du grinst dümmlich, weichst mir aus und tust 'ne Spur zu lässig, Gregy-pie! Da ist was im Busch und ich will wissen, was!“
„Du spinnst.“ Gregory winkte ab und nahm dann einen großen Schluck Bier.
„Nein, ich bin Anwalt und daher kann man mir nichts vormachen.“ Michael plusterte sich wie ein stolzer Pfau auf und auch, wenn ihm nicht danach zumute war, musste Greg lachen.
Das war so typisch Mike! Dann beschloss er, die Beichte abzulegen. Er hatte eh das Gefühl, er würde platzen, wenn er's nicht täte. Und Michael Kensington, der war zwar ein Lebemann und Schürzenjäger, dem die Frauen nur so hinterher rannten, aber etwas anderes war er auch: Ein wirklich loyaler bester Freund, auf den er sich immer hatte verlassen können, und der Dinge für sich behalten konnte.
„Sie ist der Hammer...“ Gregory, der immer noch das Etikett abzupitteln versuchte, sagte das mehr zu sich selbst, Mike unterdessen wäre fast das Bierglas aus der Hand gefallen.
„Wer? Wieso?“ Der blonde, hochgewachsene Mann sah ihn an wie einen Alien.
Greg verdrehte die Augen: „Lorena Johnson, du Pappnase.“
„Du erzählst mir gerade, dass du sie heiß findest?“ Michaels Augen hatten inzwischen die Größe von Untertassen.
„Ja das tu ich wohl, auch wenn es das nicht ganz trifft.“
„Sondern?“ Der Scheidungsanwalt trommelte ungeduldig mit den Findern auf dem Tresen herum.
„Sie ist viel mehr als alles, wovon ich je zu träumen gewagt hätte... Ich weiß, das klingt verdammt kitschig, aber ich wünschte, die hätte mir vor all den Jahren in der Boutique den Anzug verkauft.“
„Wow“, Mike atmete tief aus, bevor er weitersprach, „du hast dich verliebt, auf den ersten Blick gleich noch dazu.“ Wieder schüttelte er den Kopf: „Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals so richtig verknallt warst. Klar, du warst scharf auf einige und hast die auch mitgenommen, aber so richtig verliebt?“
Greg schnaufte bloß und zog die Schultern hoch: „Und jetzt?“
„Jetzt erzählst du mal von Anfang an.“
Das tat Gregory, was blieb ihm auch anderes übrig und als er geendet hatte, wirkte er reichlich resigniert.
Michael wusste zunächst nicht, was er sagen sollte, doch dann platzte es aus ihm heraus: „Lass dich endlich von dieser Hexe scheiden! Du hast es verdient, endlich glücklich zu sein und dein Leben zu leben!!! Wer weiß, warum das Schicksal dir Lorena vor die Nase gesetzt hat!“
„Schicksal?“ Greg schaute seinen besten Freund ungläubig an.
„Jawohl! Schicksal! Glaubst du, du bist der Einzige, der unter Alkoholeinfluss kitschigen Kram von sich geben kann?“ Mike zwinkerte und prustete lauthals los.
Erst stimmte Gregory mit ein, aber dann wurde er plötzlich nachdenklich. Verdammt, Michael hatte ja recht: So konnte und wollte er nicht weitermachen! Unter keinen Umständen...
Prolog
„Hey, ich bin zu Hause!“
Er ließ die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen und stellte recht überrascht fest, dass alles dunkel war. Es überraschte ihn deshalb, weil seine Frau stets darauf bedacht war, ihn unermüdlich per Textnachricht oder in Form von kurzen Anrufen darüber zu informieren, wo sie war und was sie tat.
Wäre man eher zynischer Natur, würde man wohl sagen, es sei der reine Kontrollzwang, da sie viel mehr wissen wollte, was ihr Mann so trieb. Dieses ständige, unterschwellige Misstrauen war besonders aus Sicht seiner Freunde komplett daneben, denn auch, wenn die es nicht nachvollziehen konnten, treu war er ihr!
Sie hatte also augenscheinlich keinen Grund, ihm nicht zu vertrauen.
Er seufzte, knipste das Licht in der Diele an, ging schnurstracks in die Küche, machte sich auch hier Licht und fand ein Post-it am Kühlschrank:
'Hey Baby, bin zu Meredith auf ein Glas Wein. Ich liebe dich, bis später!'
Irgendwie war er erleichtert, dass sie nicht da war und er genoss es, einfach seine Ruhe nach diesem anstrengenden Arbeitstag zu haben. Manch einer würde wohl behaupten, dies seien keine idealen Voraussetzungen für eine Ehe, was wohl leider auch der Fall war.
Sie hatten sich während seines Studiums kennengelernt, als er in ihrer Boutique einen Anzug gekauft hatte. Dieser Laden war ein Geschenk von einem schwerreichen Vater für seine Tochter gewesen, um dieser einen Mädchentraum zu erfüllen.
Am Anfang war er alles andere als interessiert gewesen, denn sie war nicht sein Typ, aber sie war beharrlich geblieben und hatte um ihn gekämpft.
Schlussendlich waren sie dann doch zusammengekommen, er wusste heute selbst nicht mehr, warum eigentlich.
Obendrein hatte ihr Vater ihm auch noch einen Job als Prokurist im Anschluss an sein Jurastudium in dessen Firma angeboten, und so hatte er sich wohl immer mehr verpflichtet gefühlt.
Auch etwas, dass er sich nicht mehr wirklich erklären konnte. Schließlich hatten sie also geheiratet und sich nur noch weiter in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt - aus seiner Sicht!
Wie auch immer, hier war er nun: 38 Jahre alt, nach wie vor Prokurist in der Firma seines Schwiegervaters und er hatte das Gefühl, sein Leben würde einfach so an ihm vorbei ziehen.
Angela hingegen wollte es partout nicht wahrhaben, denn für sie war er der absolute Traummann, auch noch nach so vielen Jahren.
Deshalb blockte sie auch jedes Mal ab, wenn er mit ihr darüber sprechen wollte, was ihn nervte und dazu führte, dass er ihr gegenüber immer ungerechter wurde.
Er hatte lange gebraucht, um sich selbst einzugestehen, dass von seiner Seite aus keine Gefühle mehr da waren, wenn sie denn überhaupt jemals völlig bedingungslos dagewesen waren. Den Eindruck, er würde mit rosaroter Brille durchs Leben gehen, den hatte wohl nie einer gehabt, inklusive seiner eigenen Wenigkeit.
Wie hatte es sein bester Freund neulich so lapidar formuliert: die Macht der Gewohnheit.
Der gut gemeinte Rat, den er gratis dazu hatte, war, er solle sich scheiden lassen und endlich sein Leben genießen, er könne schließlich jede haben. Aber Mike hatte leicht reden.
So einfach war das nicht, und immerhin hatten sie auch tatsächlich mal schöne Zeiten zusammen verlebt und Gefühle hatte er doch auch für sie gehegt, sonst hätte er sie wohl kaum geheiratet! Oder?
Aber egal wie, er wollte nicht eines dieser Arschlöcher werden, die ihre Frauen einfach im Stich lassen und durch die Weltgeschichte vögeln.
Er seufzte abermals in sich hinein, holte sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Bier, stellte sich ans Fenster und blickte hinunter in die Straßen New Yorks.
Im Fensterglas sah er schemenhaft sein Spiegelbild und fragte sich, wie lange er den Anblick noch ertragen könnte, wenn er nicht bald reinen Tisch machte.
Nachdem er das Bier in wenigen Schlucken geleert hatte, überkam ihn schlagartig eine unschöne, lähmende Müdigkeit.
Er schlurfte also ins Bad, putzte sich die Zähne, wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und starrte sich anschließend in dem überdimensionalen Spiegel an.
Die vielen beruflichen Termine der letzten Tage hatten eindeutig ihre Spuren an ihm hinterlassen. Seine großen, ausdrucksstarken, grünen Augen wirkten glanzlos und die schwarzen Ränder, die sich neuerdings darunter abzeichneten, hätte man an diesem Abend selbst mit Camouflage nicht mehr wegzaubern können.
Die sinnlich geschwungenen Lippen waren blass und seine sonst recht weichen Züge erschienen hager. Er strich sich mit den Händen durch das schwarze, modisch geschnittene Haar, entledigte sich seiner Klamotten und verließ das Bad Richtung Schlafzimmer, wo er sich ins Bett fallen ließ und erschöpft einschlief.
Angela kam gegen 23.30 Uhr nach Hause, was er nicht mehr mitbekam. Für sie war die Welt in bester Ordnung, sie legte sich hinter ihn, küsste ihn sanft auf den Nacken und schlang ihre Arme um ihn.
Kapitel 1 - In Chains
Am darauf folgenden Morgen, einem Dienstag, hatte sich Gregory Byron Preston vorsichtig aus der Umarmung seiner Frau gelöst, sich so leise wie möglich fertiggemacht und dann viel zu früh den Weg zur Firma angetreten.
Um die Zeit bis zum Arbeitsbeginn zu überbrücken, hatte er sich an einem Zeitungsstand die Times gekauft und war zu einer der vielen Starbucks Filialen gegangen. Dort bestellte er sich einen anständigen Espresso und verkrümelte sich mit den Neuigkeiten aus Politik, Wirtschaft und Co. in eine ruhige Ecke, in der Hoffnung, durch das starke italienische Gesöff noch etwas wacher zu werden.
Pünktlich um 9.00 Uhr war er dann in seinem Büro angekommen, wo ihn seine Assistentin wie jeden Morgen begrüßte, ihm die Unterschriftenmappe in die Hand drückte und dann die Kaffeemaschine anstellte. An diesem Morgen jedoch schien etwas anders zu sein als sonst, sie machte auf Greg einen bedrückten, unsicheren und nervösen Eindruck.
Sie war schon die Assistentin seines Vorgängers hier gewesen, also kannten sie sich mittlerweile eine Ewigkeit und er schätzte sie sehr.
Entsprechend besorgt streckte er dann seinen Kopf noch mal aus seinem Büro, nachdem er seine sieben Sachen dort abgestellt hatte: „Alles in Ordnung, Mrs Miller?“
Die sympathische Dame Anfang 50 fuhr irritiert dreinschauend herum, fing sich jedoch schnell wieder: „Um ehrlich zu sein, nein... Könnten wir vielleicht einen Moment in Ruhe reden?“
Sie senkte traurig den Kopf und Gregory, dessen Herz gerade dabei war, in die Hose zu rutschen, antwortete weitaus enthusiastischer, als ihm zumute war: „Klar, schnappen sie sich Ihren Kaffee und kommen Sie mit.“
Er zwinkerte ihr aufmunternd zu, war aber gespannt wie ein Bogen und es schwante ihm nichts Gutes. Jedoch bemühte er sich um Professionalität, er wollte sich nichts anmerken lassen. Schließlich war er ihr Vorgesetzter.
In seinem Büro deutete er auf die Sitzecke, die aus einem gemütlichen, sehr modernen und sehr niedrigen Zweisitzer im Lounge-Style, ein Paar dazu passenden Sesseln und einem dunkel lackierten, ebenso niedrigen Teakholztisch bestand.
Seine Angestellte nahm auf dem Sofa platz, er selbst ließ sich ihr gegenüber auf einem der Sessel nieder.
„Nun sagen Sie schon! Was um alles in der Welt ist passiert?“ Er kaute fahrig auf seiner Unterlippe und versuchte zu ergründen, was in ihr vorging. Wollte er nicht eigentlich den Routinierten abgeben? Egal, er war zu angespannt, um einen auf cool zu machen.
„Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll, Mr Preston. Es ist alles andere als erfreulich für mich!“
„Sie jagen mir 'ne riesen Angst ein!“
Sie sah ihn entschuldigend an, senkte dann jedoch wieder den Kopf und sprach schnell weiter: „Wissen Sie, mein Mann hat letzte Woche einen überaus lukrativen Job in Chicago
angeboten bekommen und er hat, nach reiflicher Überlegung, gestern zugesagt.“
„Okay... Sie erzählen mir gerade, dass Sie kündigen und mit ihrem Mann nach Chicago gehen werden?“ Der Tag fing echt beschissen an und er konnte seine Enttäuschung, wobei Verzweiflung es wohl eher getroffen hätte, nicht verbergen.
„Sieht so aus... Leider... Aber mein Mann wäre blöd gewesen, dieses Angebot abzuschlagen, das weiß ich auch! Ich hätte es mir auch nie verziehen, wenn ich ihn dazu gebracht hätte, mir zuliebe auf eine solche Chance zu verzichten, trotzdem bin ich sehr zwiegespalten. Ich habe mein Leben lang in New York gelebt, meine Familie und Freunde sind alle hier. In Chicago habe ich im Moment keine Perspektive und mit 52 bekomme ich auch nicht mehr so mir nichts, dir nichts neue Arbeit.
Abgesehen davon fühle ich mich hier sehr wohl und einen besseren Chef als Sie es sind, kann ich mir nicht wünschen. Aber was hilft es?“
Eine Pause entstand, in der beide ihren Gedanken nachhingen, dann ergriff Gregory Preston wieder das Wort: „Eigentlich ist es ja aus Sicht Ihres Mannes eine wirklich tolle Nachricht, aber aus meiner eine ziemlich Schlechte. Ich lasse Sie wirklich nicht gerne gehen!“ Er sah seine langjährige Assistentin betroffen an.
Eine kleine Träne verselbstständigte sich in diesem Moment bei ihr und kullerte ihre Wange hinunter.
Da weder Mitleid für Sie, noch sein eigenes Selbstmitleid etwas bringen oder gar ändern würde, sammelte er sich, dachte kurz nach und unterbreitete ihr dann einen Vorschlag, der sie, so hoffte er, ein wenig aufmuntern würde.
„Was Ihre beruflichen Aussichten in Chicago angehen, so warten Sie erst mal ab Mrs Miller, ich werde mich mal für Sie umhören. Brody Inc. hat ein paar solide Geschäftskontakte nach Windy City. Vielleicht lässt sich da was machen! Wäre das ein kleiner Lichtblick für Sie?“
„Das würden Sie für mich tun?“ Ihre Miene erhellte sich tatsächlich ein wenig.
„Wenn nicht für Sie, für wen dann? Und wenn Sie mich hier schon mit Brody alleine lassen, dann will ich wenigstens wissen, dass Sie gut unter sind!“
Jetzt lächelte er sie wieder aufrichtig an, es war dieses Lächeln, in das sich Angela jeden Tag neu verliebte und dem auch so viele andere Frauen sehnsüchtig hinterher lechzten.
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Nachdem der attraktive Jurist den ersten Schock verdaut hatte, traf er sich später an diesem Tag mit seinem besten Freund Mike, der inzwischen eine eigene Kanzlei an der Upper East Side hatte, zum Lunch, um ihm bei einem Caesars Salad von seinem turbulenten Vormittag zu berichten.
„Oh man, Greg! Tut mir echt leid, dass Mrs Miller geht! Das hat dir ja gerade noch gefehlt.“ Der blonde Hüne schüttelte Anteil nehmend den Kopf.
„Du sagst es! Vor allen Dingen bedeutet das, ich muss mir völlig objektiv und unvoreingenommen 'ne neue Assistentin suchen. Wirklich klasse! Wird bestimmt saumäßig einfach und ein riesen Spaß!“ Gregorys Stimme triefte vor Ironie. „Und wenn das nicht schon genug für einen Tag gewesen wäre, so hat mir dann mein werter Schwiegervater eben noch ganz spontan 'ne Dienstreise aufgedrückt. Für die nächsten drei Tage muss ich runter nach D. C. – neue Verträge mit Geschäftspartnern aushandeln und abschließen. Angela wird mal wieder am Rad drehen.“
Noch bevor Mike ein paar schnippische Kommentare über die ihm verhasste Frau seines besten Freundes loslassen konnte, klingelte Gregs iPhone. Ein Blick des Schwarzhaarigen auf das Display ließ diesen die Augen verdrehen: „Angela.“
„Haben der jetzt die Ohren geklingelt?“ war dann doch noch die spöttische Bemerkung des Scheidungsanwalts in Richtung Mrs Preston.
Greg ging nicht darauf ein, sondern nahm den Anruf entgegen: „Hey, was gibt's?
- Wieso?
- Nein!
- Angela, lass uns heute Abend darüber reden, ja? Ich bin spätestens um 6 Uhr zu Hause, weil ich morgen nach Washington muss.
- Beschwer' dich bei deinem Vater, der hat mir das heute unverhofft aufs Auge gedrückt, weil er irgendwelche anderen terminlichen Verpflichtungen hat, die er angeblich nun doch nicht verschieben kann. Was auch immer...
- A-N-G-E-L-A, heute Abend, okay? Gut, bis später.“
Michael Kensingtons Gesichtsausdruck sprach Bände, als Gregory den Anruf beendete, das Telefon auf Seite legte und aus tiefster Seele seufzte.
„Greg, du musst endlich Tacheles reden, hörst du?!“
„Ich weiß. Aber du kennst sie doch! Ich habe noch nie einen so konfliktscheuen und gleichzeitig so streitsüchtigen Menschen wie sie erlebt. Sie handelt das ab, wie alles andere bisher auch:
Ich spreche ein Problem an, sie ignoriert es, hält mir im Gegenzug alles Mögliche vor und versucht mir weiß zu machen, ich sei an allem Schuld und wüsste nicht zu schätzen, was sie und ihr Dad alles für mich getan hätten.“
„Das nennt man emotionale Erpressung und im Übrigen kann ich es mir echt nicht mehr lange mit angucken, wie unglücklich du bist! Ich mache mir Sorgen um dich!“
Greg schaute unsicher und etwas verlegen unter sich, dann antwortete er schnell: „Wenn ich aus D. C. wieder da bin, werde ich es ihr einfach an den Kopf hauen! Vielleicht brauche ich mir dann auch keine neue Assistentin mehr suchen, weil mein geliebter Schwiegervater mich eh auf die Straße setzt und sich 'nen neuen Prokuristen sucht, wenn
er erfährt, dass ich seine Tochter nicht mehr liebe.“
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Die Woche war unterdessen vergangen wie im Flug, Gregory war nach Washington abgereist und dort dabei, die Angelegenheiten zur Zufriedenheit seines Chef zu regeln, während in New York ganz andere Sachen ohne ihn geregelt worden waren.
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Es war inzwischen Freitagvormittag und Lorena Johnson sah sich neugierig an ihrem neuen Arbeitsplatz um. Mr. Brody, ein guter Freund ihres alten Chefs hatte vergangenen Mittwoch bei diesem angerufen und geklagt, das die Assistentin seines Prokuristen mit Ablauf des Monats mit ihrem Mann nach Chicago ziehen würde. Lorena wiederum hatte ihrerseits in der Kanzlei gekündigt, weil das Arbeitsklima katastrophal war und sie einfach nicht mehr konnte. Ihr Ex-Boss hatte daraufhin sie als Nachfolgerin vorgeschlagen und sie war am selben Tag zu einem Vorstellungsgespräch bei Mr. Brody erschienen. Das Glück war ihr hold und sie hatte allen Ernstes eine Zusage erhalten, womit sie im Leben nicht gerechnet hätte.
Nun hatte sie heute ihren ersten Probearbeitstag und Mrs. Miller, deren Job sie übernehmen sollte, würde sie die nächsten zwei Wochen einarbeiten. Wenn die großen Bosse miteinander verhandeln, dann ging immer alles ganz schnell und die Einhaltung von Kündigungsfristen war prioritär ganz weit hinten angesiedelt. Ihr sollte es recht sein!
Mrs Miller war eine sehr nette und erfahrene Frau Anfang fünfzig und Lorena hatte sich auf Anhieb wohlgefühlt. Außerdem hatte sie nur Gutes von ihrem zukünftigen Chef, einem Mr Preston gehört. Mrs Miller schien ehrlich traurig zu sein, nicht mehr für ihn arbeiten zu können.
Ein wenig mulmig war ihr dennoch vor dem ersten Zusammentreffen zumute, war sie doch von Mr Brody einfach so eingestellt worden. Was würde wohl Mr Preston zu seiner neuen Angestellten sagen? Der befand sich nämlich auf Geschäftsreise und sie würde ihm erst am Montag begegnen. Sie hoffte jedenfalls, dass sie hier bleiben konnte, denn alles war besser, als ihre alte Stelle.
Kapitel 2 - Expect the unexpected
Ein Wochenende in aufreibend nervösem Zustand hatte Lorena zum Glück überstanden, wenngleich sie sich nicht ganz sicher war, ob ihr nicht einige graue Haare gewachsen waren.
Ihr Puls hatte sich jedenfalls nicht beruhigt. Nur gut, dass es endlich Montag und sie an ihrem neuen Arbeitsplatz angekommen war! Jetzt hoffte sie nur noch, ihr neuer Chef würde sie akzeptieren.
Da Mrs Miller gerade einige Sachen, die erledigt werden mussten, zum Schreibpool brachte, nutzte Lorena die Minuten des Leerlaufs dazu, sich genauer umzusehen. Alles hier wirkte so persönlich und gemütlich. Eigentlich das genaue Gegenteil zu der Anwaltskanzlei, in die sie sich bis einschließlich letzte Woche Donnerstag noch jeden Morgen geschleppt hatte.
Ihr zukünftiges eigenes Büro war ein großer Raum, dessen Boden mit hochwertig wirkendem Parkett ausgelegt war. An den Wänden waren beigefarbene Tapeten und außerdem zahlreiche Bilder in stilvollen dunklen Holzrahmen. Außerdem gab es große Fenster, die viel Tageslicht hereinließen. In einer Ecke gab es eine gemütliche Sitzgruppe aus modernen Lounge-Möbeln für wartende Kunden, daneben ging ein kleiner Raum ab, der mit einer Küchenzeile ausgestattet war. Gegenüber der Sitzgruppe war eine imposante Flügeltür, die zum Office von Mr Preston führte. Links daneben stand ihr großer Schreibtisch aus dunklem Holz und einem sehr bequemen Ledersessel. Das Büro ihres neuen Chefs war ähnlich eingerichtet. Alles in allem war es hier sehr behaglich, wie sie fand.
Apropos Chef: Es ging inzwischen auf 10 Uhr zu und eigentlich hätte er schon längst da sein müssen. Lorena wurde immer nervöser.
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„DU HAST WAS???“ Greg war fassungslos und maßlos wütend! Er spie seinem Schwiegervater die Worte förmlich ins Gesicht.
„Was regst du dich eigentlich so auf?“ John Brody sah ihn verständnislos an. „Sei doch froh, dass ich dir die Arbeit abgenommen habe.“
„Arbeit abgenommen? Die hättest du mir abgenommen, wenn du deine scheiß Geschäftstermine in Washington selbst wahrgenommen hättest! So viel hattest du ja offensichtlich hier nicht zu tun, wenn du Zeit hattest, mir eine neue Assistentin vor die Nase zu setzen, ohne Rücksprache mit mir zu halten! ICH muss schließlich in Zukunft mit der Dame zusammenarbeiten, NICHT DU!!!“
„Nun halt aber mal die Luft an Gregory, das sollte ein Gefallen sein! Ich habe mit meinem guten Freund King gesprochen und ihm bloß erzählt, was hier los ist, weil du in D. C. bist und Miller zum Monatsende geht. Daraufhin hat er mir gesagt, eine seiner fähigsten Angestellten hätte ebenfalls gekündigt. Sie ist wohl von den anderen weiblichen Angestellten gemobbt worden, weil sie ausgesprochen klug ist und daher von den Partnern die wichtigsten Arbeiten zur Erledigung bekommen hat. Blablabla, du weißt ja, wie neidische Weiber sein können. Also hab ich sie herbestellt und sie hat mich mit ihrem Fachwissen sehr überzeugt. Du weißt, dass soll bei mir was heißen! Lern' sie doch erst mal kennen! Wenn du sie nach der Einarbeitungszeit dann für unfähig hältst, dann muss sie eben wieder gehen.“
Gregory schnaubte verächtlich. Das war die so typische melodramatische Taktik der Familie Brody. Immer schön auf sein Gewissen abzielen. John wusste ganz genau, dass Greg nicht der Typ war, der ohne Weiteres so locker dafür sorgte, dass ein neues Firmenmitglied einfach wieder gefeuert wurde.
Er würde also zunächst die Füße stillhalten und die gute Ms Johnson und ihre Fähigkeiten in Augenschein nehmen. Dann würde er sich das Urteil von Mrs Miller anhören, denn die arbeitete sie schließlich ein und hatte eine gute Menschenkenntnis. Wenn dann Hopfen und Malz verloren waren, konnte er sich immer noch das Hirn zermartern.
Nachdem Greg, der es wieder nicht über sich gebracht hatte, am vergangenen Wochenende mit seiner Frau zu sprechen, dem alten Brody mit noch schlechterer Laune, als er sie ohnehin schon hatte, die Ereignisse in Washington geschildert hatte, war er nun in Eile, zu seinem Büro zu kommen.
Es war mittlerweile 10 Uhr durch und er hatte noch keinen Kaffee gehabt, da er gleich zu Dienstbeginn die Berichterstattung bei Brody hinter sich bringen wollte. Dann war er zu geladen gewesen, um das Angebot von Johns Assistentin, sie würde ihm einen Kaffee kochen, anzunehmen. Schnellen Schrittes wuselte er jetzt durch die Korridore, fuhr ein Mal mit dem Lift und hatte dann endlich seine Etage erreicht. So aufgebracht der Jurist auch war, er platzte schier vor Neugierde! Wollte er doch trotz alledem endlich wissen, wen sein Herr Schwiegervater barmherzigerweise für ihn eingestellt hatte. Nur noch wenige Meter, dann würde sich zeigen, mit wem er es ab sofort zu tun hatte.
Auf dem Flur hörte er bereits die Stimmen von Mrs Miller und die einer anderen Frau, Ms Johnson seiner logischen Schlussfolgerung nach.
Er blieb kurz stehen, atmete tief ein und aus, in der Hoffnung, sein Ärger würde verfliegen, denn die Neue konnte schließlich nichts dafür, dass Brody ein Idiot war! Als er seine Emotionen wieder im Griff zu haben glaubte, betrat er das Office seiner Assistentin und war mit einem Schlag völlig perplex, fühlte sich auf eine seltsame Art und Weise schachmatt gesetzt.
Konnte es so was geben? Er hatte Mühe ruhig zu bleiben, als er in die Damenrunde grüßte: „Guten Morgen...“
„Guten Morgen Mr Preston, da sind Sie ja! Ich hoffe, in Washington hat alles geklappt!“ Mrs Miller sprang auf und zog Lorena an der Hand hinter sich her: „Das wird meine Nachfolgerin! Darf ich vorstellen, Lorena Johnson“, dann machte sie eine bedeutungsschwangere Pause, „Brody hat sicher schon gebeichtet?“
Das 'gebeichtet' hatte einen äußerst sarkastischen Unterton, kannte sie John Brody doch auch nur zu gut.
Das wiederum quittierte Greg im Geiste mit einem Grinsen, ging allerdings nicht weiter darauf ein, wollte er doch seiner künftigen Mitarbeiterin nicht das Gefühl geben, sie sei unerwünscht. Stattdessen hielt er Lorena die Hand hin und hieß sie bei Brody Inc. willkommen. Außerdem versuchte er, so unauffällig wie möglich, durch ruhige Atmung seinen Herzschlag zu kontrollieren.
Er konnte es nicht fassen, dass diese Frau es schaffte, ihn derart aus der Fassung zu bringen. Gleichsam konnte er sich nicht erinnern, wann ihm jemals ein so schönes Geschöpf begegnet war. Sogar das schlechte Gewissen in Bezug auf seine Frau blieb aus. Angela, wer zur Hölle war Angela???
Diese Lorena Johnson war locker einen Kopf kleiner als er und das sollte bei seinen 1,70 m schon was heißen. Sie war außerdem sehr zierlich und hatte trotzdem sinnliche, weibliche Kurven. Ihr dunkelbraunes Haar ging ihr bis knapp unter die Brust und war leicht stufig geschnitten. Ihr Gesicht war ausdrucksstark mit großen dunkelbraunen Augen, die beinahe schwarz wirkten und vollen, schön geschwungenen Lippen. Außerdem hatte sie ein bezauberndes Lächeln und strahlte in ein paar Minuten so viel Wärme aus, wie besagte Ehefrau in den letzten fünfzehn Jahren nicht.
Aus irgendeinem Grund war er plötzlich nicht mehr wütend auf den alten Herrn, dass er sie eingestellt hatte...
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Lorena hingegen war ebenfalls komplett aus dem Konzept. Sie hatte eigentlich keine Vorstellung von Gregory Preston gehabt, aber DAS hatte sie nun auch nicht erwartet.
Vor allen Dingen nicht nach der Begegnung mit dem unsympathischen alten Mann, der sie eingestellt hatte. Der ging nach ihrem Geschmack gar nicht und sie war sich sicher, bei Weitem nicht die Einzige in diesem Raum zu sein, die so dachte. Hatte Hannah Miller doch auch schon durchblicken lassen, dass Preston den miesepetrigen Brody am liebsten auf den Mond schießen würde. Wie auch immer, als sie vor Greg Preston stand und er sie begrüßte, hoffte sie, er würde ihr Herz nicht schlagen hören können. Er sagte etwas zu ihr, aber sie war schlicht geistesabwesend und starrte ihn bloß an.
Seit wann in Gottes Namen gab es so appetitliche Juristen auf diesem Planeten? Er hatte ein völlig makelloses Gesicht mit weichen Zügen und dieses erhabene Profil mit dem leicht gewölbten Nasenrücken, was sie bei Männern so anziehend fand. Außerdem die schönsten Augen, die sie je gesehen hatte, sein Blick war auf nicht unangenehme Weise durchdringend. Fast schien es so als könne er direkt in ihre Seele blicken. Die schwarzen Haare ließen das intensive Grün seiner Iris noch mehr leuchten. Dazu kam dieses warmherzige, charismatische und zugleich unverschämt charmante Lächeln. Er war außerdem nicht sehr groß, was für sie, mit ihren 1,56 m von Vorteil war und obwohl er sehr schlank war, wirkte er nicht dürr.
Irgendwie wirkte er mehr wie ein Rock- oder ein Filmstar, nicht wie ein schnöder Rechtsverdreher. Sie war fasziniert von ihrem Gegenüber und fragte sich, wie sie sich in Zukunft auf ihre Arbeit konzentrieren sollte, wenn sie SO einen Chef hatte.
Dann fiel es ihr ein: Er ist verheiratet, hatte Hannah erwähnt, DAS sollte wohl als Abkühlung genügen.
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Mike rutschte ungeduldig auf dem Barhocker hin und her. Er und Greg hatten sich in ihrer
Stammbar auf ein Bier nach der Arbeit getroffen. Gregory hatte ihm bereits von den Neuigkeiten aus der Firma berichtet, ließ sich aber in Bezug auf Einzelheiten zu seiner neuen Angestellten jedes Wort aus der Nase ziehen: „Ja und? Was hast du nun für 'nen Eindruck von der Johnson?“
„Och, ich warte mal die Einarbeitungszeit ab. Hab eben noch mit Mrs Miller gesprochen und die war nach nur zwei Tagen schon hin und weg. Im Moment bin ich also guter Dinge, dass seine Durchlaucht nicht noch 'ne Assistentin für mich einstellen muss.“ Greg hatte unentwegt seine Flasche Corona angestarrt und am aufgeweichten Etikett rumgepult, während er bemüht war, so beiläufig wie möglich zu klingen. Er hoffte inständig, Mike genügend mit Infos zur neuen Mitarbeiterin gefüttert zu haben, und dass er ihn mit dem Thema Lorena Johnson ab jetzt in Ruhe lassen würde. Doch weit gefehlt...
„Preston, du unterschlägst Infos!“ Michael hatte Lunte gerochen, obgleich er nicht sicher war, weswegen. Aber er beschloss, den kleinen schwarzhaarigen Mann auf dem Hocker neben ihm ins Kreuzverhör zu nehmen.
Der Angesprochene sah entgeistert auf und zog die rechte Augenbraue hoch: „Was meinst du?“
„Was meinst du, fragt der mich“, der Blonde schüttelte entgeistert sein Haupt und schnalzte mit der Zunge“, du bist mit den Gedanken woanders, du grinst dümmlich, weichst mir aus und tust 'ne Spur zu lässig, Gregy-pie! Da ist was im Busch und ich will wissen, was!“
„Du spinnst.“ Gregory winkte ab und nahm dann einen großen Schluck Bier.
„Nein, ich bin Anwalt und daher kann man mir nichts vormachen.“ Michael plusterte sich wie ein stolzer Pfau auf und auch, wenn ihm nicht danach zumute war, musste Greg lachen.
Das war so typisch Mike! Dann beschloss er, die Beichte abzulegen. Er hatte eh das Gefühl, er würde platzen, wenn er's nicht täte. Und Michael Kensington, der war zwar ein Lebemann und Schürzenjäger, dem die Frauen nur so hinterher rannten, aber etwas anderes war er auch: Ein wirklich loyaler bester Freund, auf den er sich immer hatte verlassen können, und der Dinge für sich behalten konnte.
„Sie ist der Hammer...“ Gregory, der immer noch das Etikett abzupitteln versuchte, sagte das mehr zu sich selbst, Mike unterdessen wäre fast das Bierglas aus der Hand gefallen.
„Wer? Wieso?“ Der blonde, hochgewachsene Mann sah ihn an wie einen Alien.
Greg verdrehte die Augen: „Lorena Johnson, du Pappnase.“
„Du erzählst mir gerade, dass du sie heiß findest?“ Michaels Augen hatten inzwischen die Größe von Untertassen.
„Ja das tu ich wohl, auch wenn es das nicht ganz trifft.“
„Sondern?“ Der Scheidungsanwalt trommelte ungeduldig mit den Findern auf dem Tresen herum.
„Sie ist viel mehr als alles, wovon ich je zu träumen gewagt hätte... Ich weiß, das klingt verdammt kitschig, aber ich wünschte, die hätte mir vor all den Jahren in der Boutique den Anzug verkauft.“
„Wow“, Mike atmete tief aus, bevor er weitersprach, „du hast dich verliebt, auf den ersten Blick gleich noch dazu.“ Wieder schüttelte er den Kopf: „Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals so richtig verknallt warst. Klar, du warst scharf auf einige und hast die auch mitgenommen, aber so richtig verliebt?“
Greg schnaufte bloß und zog die Schultern hoch: „Und jetzt?“
„Jetzt erzählst du mal von Anfang an.“
Das tat Gregory, was blieb ihm auch anderes übrig und als er geendet hatte, wirkte er reichlich resigniert.
Michael wusste zunächst nicht, was er sagen sollte, doch dann platzte es aus ihm heraus: „Lass dich endlich von dieser Hexe scheiden! Du hast es verdient, endlich glücklich zu sein und dein Leben zu leben!!! Wer weiß, warum das Schicksal dir Lorena vor die Nase gesetzt hat!“
„Schicksal?“ Greg schaute seinen besten Freund ungläubig an.
„Jawohl! Schicksal! Glaubst du, du bist der Einzige, der unter Alkoholeinfluss kitschigen Kram von sich geben kann?“ Mike zwinkerte und prustete lauthals los.
Erst stimmte Gregory mit ein, aber dann wurde er plötzlich nachdenklich. Verdammt, Michael hatte ja recht: So konnte und wollte er nicht weitermachen! Unter keinen Umständen...