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DAS STADTFEST ZU DORNHAN

Verfasst: Donnerstag 8. Oktober 2015, 01:31
von heuberger
SCHWIERIGKEITEN BEIM SEITENSPRUNG

Die ganze Situation war völlig verfahren. „Seit Jahr und Tag betrügt mich mein Mann. Und zwar mit Hinz und Kunz, Männlein wie Weiblein, da ist er nicht wählerisch. Was bei drei nicht auf den Bäumen ist, landet früher oder später unweigerlich in seinem Bett. Eigentlich in unseren Betten, das ist ja das wirklich Empörende.“
Romy schien tatsächlich am Ende ihrer Kräfte zu sein. „Ich versuche, die Familie zusammen zu halten, und was tut der Gnädige Herr? ER HURT HERUM BIS ZUM GEHTNICHTMEHR! Und dann macht er seinen Geliebten teure Geschenke, mit dem Geld, das dann den Kindern und mir abgeht. Und dann werden Schulden gemacht, ich sag Euch, Schulden. Schon dreimal war der Gerichtsvollzieher da. Wenn das so weiter geht, dann muss er unser Haus noch verramschen, weit unter Wert, weil die Schulden uns über den Kopf wachsen.
Und ich blöde Kuh habe seinerzeit bei der Bank mit unterschrieben, als er den teuren Kredit aufgenommen hat! Ich sitze genau so mit drin in der Nummer. Sonst wäre ich schon längst mit den Kindern auf und davon. Mich rührt er schon lange nicht mehr an, der Pascha. Bloß als Putzfrau bin ich ihm gerade noch recht. Er sucht sein Vergnügen anderswo, und ich kann ganz allmählich vertrocknen. Was für ein Leben!“
Die Freunde waren sich einig. „Wir wissen, dass Dein Alter ein ausgesprochener A… ist. Warum suchst Du Dir eigentlich keinen Hausfreund, wenn Du Dich schon nicht scheiden lassen willst?“

So allmählich schälte sich ein Plan heraus, wie der armen Romy in ihrer Not zu helfen sei. Sie selbst schien dem nicht abgeneigt zu sein, und so nahm das ganze Vorhaben immer konkretere Züge an. Nun traf es sich auch noch gut, dass in drei Wochen in Dornhan, dem Städtchen am Rande des Schwarzwaldes, das jährliche Stadtfest stattfand. Das wäre doch die beste Gelegenheit, den ganzen Plan in die Wirklichkeit umzusetzen. Es fehlten nur noch zwei wichtige Dinge zur Ausführung:
1. Eine Wohnung,
2. Ein Mann
Die Wohnung war rasch gefunden. Einer der Freunde wohnte dort. Gerne stellte er seine Wohnung zur Verfügung.
Einen passenden Liebhaber ausfindig zu machen, erwies sich dann aber doch als schwieriges Unterfangen. Aber auch in diesem Fall konnte nach einer Woche die Siegesfahne gehisst werden: Es war einer gefunden worden. Er hieß Diether, Diether mit „h“, wohnte in einer Nachbargemeinde, war Junggeselle, etwa im gleichen Alter wie Romy, und er spielte in der dortigen Blaskapelle mit.

An einem der folgenden Tage fand ein Fest auf einem der Dörfer in der Umgebung statt. Dort spielte die Kapelle, in der Diether mitwirkte. Alle Freunde gingen am Abend dorthin, um Romys Liebhaber in spe in Augenschein zu nehmen und dann zu begutachten. Auch Romy selbst wurde mitgeschleppt.
Diether blies das Waldhorn. In seiner blauen Uniform sah er recht adrett aus. Romy und er wären eigentlich ein hübsches Paar gewesen. Hätten sie sich nur Jahre früher getroffen. Romy schien Gefallen an ihm zu finden, denn sie ließ ihre Blicke nicht mehr von ihm.
Auch die Freunde musterten ihn alle sehr eingehend und abschätzend.
Zum Glück schien Diether ein humorvoller Mensch zu sein, denn es entging ihm natürlich nicht, dass er andauernd von vielen Augen angestarrt und gemustert wurde, sozusagen wie ein Preisbulle auf dem Viehmarkt.
So wurde es dann auch ausgemacht:
UND MAN KAM SICH ÜBEREIN:
BEIM STADTFEST SOLL´S VOLLBRUNGEN SEIN.
(So ein Vorhaben kann man nur in schlechten Reimen rühmen!)
Es wurde generalstabsmäßig geplant bis ins kleinste Detail. Nichts, aber auch gar nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Jeder und jede der Freunde und Freundinnen bekam eine spezielle Aufgabe. Es wurde geplant wie im Hauptquartier von Hannibal oder Napoleon.

Die Freunde hatten für Romy und für sich selber Sitzplätze in der Stadthalle vorbestellt, die strategisch günstig lagen, so, dass man die ganze Halle überblicken konnte. Diese lag am Beginn einer Straße, in der die anderen Buden und Festzelte alle aufgestellt waren.
Diether informierte die Freunde, dass seine Kapelle in einem Zelt am anderen Ende der Straße spielte. Er gab ihnen auch den Plan für ihre Auftritte durch. Um acht Uhr abends wäre dann große Pause sozusagen. Eine andere Kapelle würde inzwischen auftreten. Und dann ginge es wieder weiter bis gegen Mitternacht. Dann erst wäre Zapfenstreich.

Also wurde ausgemacht, dass man sich um Viertel neun Uhr (= Viertel nach acht) auf halbem Weg träfe, dann würde man die beiden, Romy und Diether, bis zu der „Stundenwohnung“ begleiten, wo man sie pünktlich zwanzig Minuten vor zehn Uhr wieder abzuholen gedächte, damit Diether ohne Aufsehen auch noch seinen musikalischen Verpflichtungen nachkommen könne. So bliebe ihnen also eine Stunde und 20 Minuten Zeit. Im exakten Planen waren die Freunde wirklich gut, ja eigentlich sogar sehr gut. Was hätte da schon schief gehen können? Und die richtigen Gefühle würden sich bei der passenden Gelegenheit dann schon einfinden. Davon waren sie felsenfest überzeugt.

Und so vergingen die restlichen Tage bis zum Stadtfest in froher Erwartung.

Endlich brach der sehnsüchtig erwartete Samstag an. Es herrschte strahlender Sonnenschein, der einen frohen, erfolgreichen und glücklichen Tag versprach.
Um drei Uhr am Nachmittag traf man sich, wie verabredet, vor der Stadthalle. Es zeigte sich, dass ihre vorbestellten Sitzplätze für sie reserviert waren. Alles lief bestens. Während man köstliche Kuchen und Torten aß, die die Dornhaner Frauen hergestellt hatten, und dazu dünnen Kaffee trank, welcher der spöttischen Bezeichnung als „Bodensehkaffee“ bedenklich nahe kam, wurden zwei Freunde losgeschickt, um in dem anderen Zelt am Ende der Straße nachzusehen, ob Diether auch anwesend war. Er war da und spielte mit Hingabe das Horn. Ein Lächeln ging über sein Gesicht, als ihm mitgeteilt wurde, Romy sei auch in der Stadt und würde sich aufs Rendezvous freuen.

Die hatte sich in Schale geworfen. Sie trug ein elegantes Kleid, das unauffällig die Figur betonte, das Décolleté gewährte tiefe Einblicke, zum Teil verhüllt durch einen lässig geschlungenen Shawl. So harrte sie, wohlgerüstet, der weiteren Ereignisse.

Diether trug wieder seine schmucke blaue Uniform. Er war für diesen Tag noch extra beim Frisör gewesen. Seine Locken glänzten von der vielen Brillantine, die er hineingeschmiert hatte. Sein Horn hatte er für diesen Tag besonders gepflegt: gereinigt und poliert. Man fragte sich, wer wohl mehr strahlte, das Instrument oder der Spieler. Eine Wolke von Eau de Cologne hüllte ihn ein, so dass sein Nachbar verwundert die Nase rümpfte und eine Augenbraue hochzog.

Noch 4 Stunden
bis zum Treffen, eine schrecklich lange Zeit. Die Freunde ergingen sich in Mutmaßungen, welchen Eindruck Romy machen würde, wenn sie nach dem Rendezvous wiederkäme. Romy selber badete in den widersprüchlichsten Gefühlen. Mal war sie in froher Erwartung, dann mit schlechtem Gewissen in tiefster Niedergeschlagenheit, dann wieder wild entschlossen. So kroch die Zeit in quälender Langsamkeit dahin.

Noch 3 Stunden
Einer der Freunde, Jörg, berichtete später von einem merkwürdigen Vorfall an diesem Nachmittag. Es ist selbstverständlich, dass bei solch einem Fest viel gegessen und getrunken wird. Genauso selbstverständlich ist es auch, dass die Aufnahmefähigkeit des menschlichen Körpers begrenzt ist, vor allem für Flüssigkeiten. Im Klartext: Sie mussten aufs Klo. Jetzt ist dies in einer vollbesetzten Stadthalle gewiss kein einfaches Unterfangen, und tatsächlich hatten sich vor den Wc´s für Herren lange Schlangen gebildet. Das hieß, hier war es hoffnungslos, ein „Unglück“ vermeiden zu wollen. Was also tun?
Da gab es nur noch eine Möglichkeit, das Damenklo. Nachdem man die letzten Hemmungen hintangestellt hatte, - mit dem unschlagbaren Argument, dass man ja eh nicht von hier war - öffnete man getrost die Tür zu den sonst verschlossenen „Heiligen Hallen“.
Im Vorraum, bei den Waschbecken, standen einige Frauen, schminkten sich und unterhielten sich. Dies könnte ein Hinweis auf die Lösung des Rätsels sein, warum Frauen vorzugsweise zu zweit auf öffentliche Toiletten gehen.
Die Frauen blickten kurz auf, als die Tür ging, und unterhielten sich dann weiter.
Als die Freunde dann fertig waren und den Raum wieder verlassen wollten, sprang mit einem Ruck die Tür auf, ein Mann mit einem langen Mantel kam herein, öffnete ihn, präsentierte sich nackt und schrie laut: „Buuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuh!!!!!!“
Die Anwesenden schauten sich verdattert an und schüttelten verständnislos ihre Köpfe.
Da, beim Anblick der fünf Männer, wurde der Neuankömmling unsicher: „O Verzeihung“, fragte er zaghaft, „bin ich hier falsch?“ Jetzt wurden die Freunde noch verwirrter und brachten gar kein Wort mehr hervor.
Da geriet der arme Exhibitionist gänzlich in Panik, knöpfte rasch seinen Mantel zu und suchte irritiert das Weite.
Die Freunde schauten sich verwundert an und meinten, auf solch einem Stadtfest trieben sich doch wirklich merkwürdige, dunkle Gestalten herum. Es war ihnen aber nur wichtig, wie sich die „Affäre Romy“ weiter entwickelte.
Die Frauen aber, die anwesend waren und die diesen Auftritt miterlebt hatten, lachten laut, und eine von ihnen äußerte kichernd: “Manchmal taugen Männer doch zu was, und sei´s auch nur, um zeigefreudige Lustmolche abzuschrecken und zu vertreiben.“
Später erzählte dann einer von ihnen, der berüchtigt war für seine Wahrheitsliebe auf Biegen und Brechen, es habe ihm die ehrliche Antwort auf die Frage des Exhibitionisten, ob er hier an der falschen Örtlichkeit sei, bereits auf der Zunge gelegen, und dass er bereits sagen wollte: „Aber nein, hier sind Sie schon richtig, bloß wir gehören nicht hier her, aber alle WC´s für Herren sind hoffnungslos besetzt.“ Da sei ihm Jörg kräftig auf den Fuß gestanden, so dass er nur noch „Aua“ sagen konnte.
Manchmal sind eben Unehrlichkeit und Verschwiegenheit moralischer! Jörg sei´s gedankt!

Noch 2 Stunden
So allmählich bekam man Hunger. Es wurde Zeit fürs Abendessen. Auch hier hatten die Vereine wieder für das leibliche Wohl gesorgt. Es gab „schwäbische Spezialitäten“, wie Kässpätzle, saure Kutteln, saure Leber, Linsen mit Spätzle und Saitenwurst, und Schupfnudeln mit Sauerkraut und Speckwürfeln. Alles ehemals typische „Armeleuteessen“ einfach, billig und rasch zubereitet. Man entschied sich für die Schupfnudeln. Das sind Kartoffelnudeln, ähnlich den italienischen Gnocchi.

Noch 1 Stunde
Diese Stunde sollte noch der Ruhe dienen. Denn um acht Uhr begann der „bunte Abend“, dessen Programm von den Dornhaner Vereinen gestaltet wurde. Die Freunde wurden immer unruhiger, während Romy in seliger Erwartung dem Kommenden entgegen sah.

Noch 5 Minuten
Die Freunde schickten sich an, Romy bis zum vereinbarten Treffpunkt mit Diether zu begleiten. Einer musste bleiben und die Stellung halten, damit ihre Plätze nicht belegt wurden.
Romy wollte sich gerade erheben, das Herz klopfte ihr jetzt doch bis zum Halse, da vernahm sie eine ihr wohlbekannte Stimme:

„Hallo, da seid Ihr ja, ich hab Euch schon überall gesucht, bin heut früher nach Hause gekommen und hab mir gedacht, gehst halt noch aufs Stadtfest nach Dornhan, und da bin ich.“

Es war Arno, Romys Mann

O SCH………..RECK!

Der hatte noch gefehlt!
Und das gerade jetzt !

Sie schauten ihn alle grimmig an.
„Was ist, komm ich gerade im unpassenden Moment?“ fragte Arno.
„ABER NEIN!“
riefen alle, wie im Chor,
und:
„WIE KOMMST DU DENN DARAUF?“

Dabei sahen sie ihn mit großen runden Augen unschuldig an.
Sie bekamen jedoch keine langen Nasen!
Die Balken bogen sich nicht!
Der Himmel stürzte nicht ein!
Sie waren einfach nur platt.

Mit solch einer Wendung hatte niemand gerechnet, so etwas war einfach nicht mit eingeplant. Ja, beschämender noch: Es gab überhaupt keinen Plan B. Die Freunde standen herum wie begossene Pudel.
Als sie sich wieder einigermaßen gefasst hatten, berieten sie, was in der verfahrenen Situation zu tun sei, um wenigstens den beiden „Königskindern“ zu ermöglichen, doch noch zusammenzukommen. Aber sie fanden keinen Ausweg.
Es gab nur eine einzige Lösung.
Und so musste denn vorzeitig zur Retraite geblasen werden.

Also schwärmten sie in alle Richtungen aus, um Diether noch rechtzeitig abzufangen, bevor er auch noch in der Stadthalle auftauchte. Und dann musste er schonend über die neue Lage der Dinge in Kenntnis gesetzt werden. Sie fanden ihn schließlich noch im Zelt bei einem Glas Bier sitzend.
Als sie ihm erzählt hatten, welch unerwartete Wendung eingetreten war, schaute er sie zunächst nur eigenartig an, dann begann er, schallend zu lachen und sagte, dass er mit so etwas insgeheim schon gerechnet hatte.
Dann bedankte er sich bei ihnen, dass sie ihn rechtzeitig gewarnt hatten und bat sie, Romy von ihm herzlich zu grüßen, und ihr auszurichten, dass er hoffe, dass es ein andermal mit ihnen beiden besser klappen würde.
Da kehrten sie in die Stadthalle zurück und berichteten vom Erfolg ihrer Mission. Und so saßen sie grimmig grollend da, mit versteinerten Mienen, die Enttäuschung war ihnen anzusehen. Einzig Arno war guter Dinge und versuchte, mit den Leuten am Nachbartisch zu flirten und zu schäkern.

Bei den Freunden setzte daraufhin dann ein „finales Frustsaufen“ ein.

Diether durfte also weiterhin ins Horn blasen, und somit in die Röhre schauen, während die Freunde angesichts des unrühmlichen Ausgangs ihrer Aktion ziemlich betreten „ins Horn stießen“ und aufbrachen. Sie waren so randvoll, wie die Strandhaubitzen, dass man befürchten musste, sie stießen bald auf und brächen ins Horn.

Romy schluckte ihren Ärger und ihre Enttäuschung buchstäblich hinunter, indem sie eine ganze Käse-Sahne-Torte verschlang. Zwar wurde ihr davon auch schlecht, aber das war es ihr wert!
Außerdem nahm sie sich fest vor, Arno, ihren „Alten“, bei nächster Gelegenheit wirklich umzubringen. Jedoch wurde auch dieser Plan niemals ausgeführt, das vorgesehene „Opfer“ hüpft heute noch fröhlich von Bett zu Bett, nicht ohne sich hinterher über die zunehmenden Beschwernisse des Alters zu beklagen.

Der arme Diether mit „h“ aber musste sozusagen seine Flinte wieder einpacken, ohne einen einzigen Schuss getan zu haben. Falls er aber noch „Ersatz“ fand, oder sonst auf eine Lösung kam, gleich welcher Art, so sei ihm dies von Herzen gegönnt. Er hatte das Spiel von Anbeginn an mitgemacht und zeigte keinerlei Anzeichen von Ärger, als ihn das Signal zum Rückzug ereilte. Im Gegenteil: Er lachte lauthals. Sowas heißt echter Humor.

DRUM DIE MORAL VON DER GESCHICHT:
ZUM SEITENSPRUNG HILF ANDERN NICHT!
TU DICH BLOSS NICHT AUFRAFFEN!

ALLEIN MÜSSEN SIE´S SCHAFFEN!

:oops: