„Ich muss unbedingt mehr Mais anbauen. Mit meinen drei Feldern komme ich nicht weit. Das dauert mir zulange. Sechshundertachtundvierzig Punkte fehlen mir noch bis zum Level 62“, denkt Charlotte, die eifrig ihren virtuellen Bauernhof bewirtschaftet. Charlotte bemerkt nicht, dass es bereits acht Uhr ist. Ihr Mann wird gleich aufstehen, und Charlotte muss noch das Frühstück vorbereiten. Sie sitzt schon wieder eine geschlagene Stunde vor ihrem Computer und hat gar nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Das neue Farmspiel ist aber auch zu spannend. Ihre Freundin Karin hat ihr das Spiel empfohlen. Mit ihr chattet sie gerne. Beide haben einen Account bei Facebook. Da tauscht man sich gerne aus. Posten, nennt man dies Neudeutsch, und die ganze Welt kann teilnehmen, wenn man dies wünscht.
Charlotte und ihr Mann August sind beide Rentner. Sie haben sich immer auf ihren Ruhestand gefreut. Endlich tun und lassen können, was man will. Das war ihr größter Wunsch. Charlotte und August sind relativ fit, bis auf das eine oder andere Zipperlein, das das Alter so mit sich bringt. August ist ein Sportfan. Gerne liest er Sportzeitschriften und lässt sich kaum eine Sportsendung im Fernsehen entgehen. Sein zweites Hobby, die Gartenarbeit, ist ein aufoktruiertes Hobby. Charlotte liebt den Garten, und erwartet, dass ihr Mann diese Leidenschaft teilt. August mag zwar auch den Garten. Das Rasenmähen ist für ihn in Ordnung. Doch, auf den Gemüseanbau könnte er gerne verzichten. Besonders, nachdem Charlotte, mehr Gemüse auf ihrem virtuellen Bauerhof anbaut, als in ihrem eigenen Garten.
„Charlotte, du sitzt ja schon wieder vor dem Kasten“, brummelt August schlaftrunken. „Hast du das Frühstück schon gemacht?“, fragt er weiter.
„Nein, noch nicht“, antwortet Charlotte. „Ich mach das gleich. Nur noch einen Moment. Ich muss erst noch schnell Mais pflanzen. Geht doch schon einmal ins Bad.“
August schüttelt den Kopf und verlässt das Zimmer. Jeden Morgen das Gleiche. Seine Frau steht mit dem verflixten Computer auf und geht mit ihm ins Bett. Charlotte verbringt viel Zeit mit dem Kasten. Sie ist gefesselt von den Computerspielen und den vielen Anwendungen. Sie hat auch jede Menge Kontakte geknüpft und chattet was das Zeug hält. Doch am liebsten spielt sie zurzeit ihr Farmspiel. Es ist aber auch zu toll und kurzweilig. Als Hobbyfarmerin hat es Charlotte nicht leicht. Schließlich muss sie viele Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die sich auf ihr Weiterkommen im Spiel wesentlich auswirken. Sie muss entscheiden, welche Pflanzen sie anbaut, welche Tiere sie züchtet, welche Futtermittel sie produziert, welche Anschaffungen sie macht, welche Produkte sie zum Kauf anbietet und Vieles mehr. Je klüger Charlotte handelt, desto schneller kommt sie im Spiel voran. Sie klettert von Level zu Level, was bewirkt, dass sich im Spiel immer wieder neue Möglichkeiten auftun. Es gehört auch dazu, dass Charlotte ihre Felder aberntet und neu bepflanzt. Je nach Pflanzenart ist die Dauer des Reifeprozesses unterschiedlich. Das bedeutet, dass Charlotte immer wieder in ihren Computer schauen muss, um die anfallenden Arbeiten, auf ihrem virtuellen Bauernhof, zu erledigen. Sie ist sich nicht bewusst, dass dies Spiel zu einer richten Arbeit mutiert ist. Es ist so spannend und interessant ist, dass Charlotte öfters auf ihrem virtuellen Bauerhof ist, als in ihrer Küche oder ihrem Garten.
„Kommst du endlich?“, ruft August aus der Küche. „Das Frühstück ist fertig.“ Charlotte antwortet: „Ja , ich bin gleich da.“ Charlotte wird nervös. Sie muss noch vier Erdbeerfelder abernten und diese neu bepflanzen. Die Erdbeeren sind nach dem Frühstück reif und sie kann die offene Lieferung abschließen, die ihr zweihundertzehn Erfahrungspunkte und dreihundert Goldtaler einbringen wird. Charlotte will unbedingt heute noch Level 62 erreichen. Voller Neugierde und Spannung freut sie sich, auf die neuen unbekannten Möglichkeiten, die sich mit Level 62 eröffnen.
Charlotte hat gerade ihr letztes Erdbeerfeld bepflanzt und bewässert, als sie auf dem Bildschirm erkennt, dass der Weizen reif ist. Sie hat acht Weizenfelder. August muss noch etwas warten, beschließt Charlotte. Schnell erntet sie den Weizen und sät neuen. Als sie gerade fertig ist, ist der Kopfsalat reif. Charlotte denkt: „Egal, das mache ich auch noch schnell.“
Ungeduldig ruft ihr Mann erneut: „Wenn du nicht gleich kommst, dann frühstücke ich alleine.“
Charlotte antwortet: „Ich komme schon. Du brauchst dich nicht aufzuregen.“ Charlotte weiß, dass sie den Bogen nicht überspannen darf. Ungern, begibt sie sich in die Küche zum Frühstück. Den Computer lässt sie online. Sie will gleich nach dem Frühstück die Erdbeeren ernten, die bis dahin reif sind.
Charlotte und August frühstücken gemeinsam. Sie unterhalten sich über belanglose Dinge. August will wissen: „Charlotte, liegt heute etwas Besonderes an? Müssen wir einkaufen?“ Charlotte antwortet: „Eigentlich nicht. Wir haben alles, was wir brauchen. Ich muss heute Wäschewaschen.“
August erwidert: „Ich werde nach dem Frühstück zum Kiosk gehen und mir meine Sportzeitschrift holen. Willst du auch eine Zeitschrift?“
Charlotte verneint die Frage.
Nach dem Frühstück räumen Charlotte und August den Tisch ab, und August macht sich auf den Weg zum Kiosk.
Charlotte hat den Gedanken ‚Wäschewaschen’ verdrängt und geht an ihren Computer. Sie bewegt die Computermouse, um den Bildschirmschoner zu entfernen. Auf dem Bildschirm erscheint ihr geliebter Bauernhof. „Mein Gott!“, denkt sie „Soviele Felder muss ich jetzt abernten. Ich muss mich ranhalten.“ Voller Eifer beginnt sie ihre Arbeit. Mit jeder Ernte und jedem Verkauf ihrer Produkte kommt sie dem nächsten Level näher. Als Charlotte erneut ein Feld abernten und auf die Computermouse klicken will, bemerkt sie einen Schmerz in ihrer rechten Hand. Wahrscheinlich hat sich, durch die einseitige Haltung, ihre Hand verkrampft. Charlotte hebt ihre Hand hoch und bewegt ihre Finger. Dabei vergisst sie, für einen Moment, ihr Spiel. Sie bemerkt die dunklen Altersflecken auf der Haut ihres Handrückens, und plötzlich schießt ihr ein Gedanke durch den Kopf: „Level 62. Im März - hatte ich Geburtstag, meinen zweiundsechzigsten. Ich bin schon bei Level 62. Wieso bringt mir Level 62 in dem Computerspiel mehr als Level 62 im richtigen Leben? Ist das nicht verrückt?“
Charlotte schaut auf den Computermonitor, klickt dabei auf das Erdbeerfeld und erntet die Früchte. Mit dieser Ernte erhält sie weitere Erfahrungspunkte. Diese reichen aus, um sie im Spiel auf Level 62 zu bringen.
Auf dem Computermonitor geht ein Informationsfeld auf und teilt mit, dass Level 62 erreicht wurde. „Endlich Level 62!“, denkt Charlotte. Ab sofort können Bohnen angebaut werden.
Charlotte liest die Nachricht und vergisst ihre Gedanken. Sie muss sich überlegen, auf welchen Feldern sie die Bohnen anbaut. Die Anzahl der Felder ist begrenzt. Opfert sie einige Erdbeerfelder zugunsten der Bohnen, ist dies vielleicht die falsche Entscheidung, und es dauert länger, bis sie Level 63 erreicht. Schließlich will sie wissen, was Level 63 auf dem virtuellen Bauernhof bringen wird.
Charlotte ist wieder tief in ihr Spiel versunken und hat vergessen, dass auch Level 63, im richtigen Leben, interessant sein kann.
Level 62 von Erwin J. Seel
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